Cities

Der Direktor des CTBUH im Gespräch über die Zukunft des urbanen Raums

Das Council on Tall Buildings and Urban Habitat (CTBUH) hält seine Jahreskonferenz 2017 in Sydney, Australien ab. Die Veranstaltung versammelt führende Köpfe aus den Bereichen Hochhausbau und Städteplanung. Im Fokus stehen die Themen Nachhaltigkeit sowie die Bekämpfung von ungezügeltem Städtewachstum.

URBAN HUB sprach mit CTBUH-Direktor Antony Wood über die diesjährige Konferenz. Unter anderem gibt Wood Einblick in wichtige urbane Zukunftstrends und erläutert, an welchen Stellschrauben insbesondere beim Thema Nachhaltigkeit noch gedreht werden muss.

Cities
Rundum intelligent - In vielerlei Hinsicht basiert ein Smart-City-Konzept lediglich auf guter Stadtplanung, die sowohl Fortschritte in den digitalen Technologien als auch neue Denkansätze für uralte urbane Konzepte wie Beziehungen, Gemeinschaft, Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein, demokratische Beteiligung, Good Governance und Transparenz berücksichtigt.
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Erstellt am 30.10.2017

Der Weg nach Sydney

Der breiten Öffentlichkeit ist das Council on Tall Buildings and Urban Habitat vor allem wegen seiner Liste der höchsten Gebäude der Welt bekannt. Doch das Ranking spiegelt nur einen Bruchteil der Organisationstätigkeit wider. Das CTBUH stellt ebenso Know-how bereit und dient als Forum für Architekten und andere Berufsgruppen, die im urbanen Raum wirken.

Die internationale CTBUH-Konferenz 2017 findet in Sydney, Australien statt und hat sich das Motto „Connecting the City: People, Density & Infrastructure“ auf die Fahnen geschrieben. Laut eigener Aussage möchte die Konferenz „das Hochhaus nicht nur als ikonisches Bauwerk behandeln, sondern neue Richtlinien und Verantwortlichkeiten diskutieren, um Wolkenkratzer in städtische ‚Bindeglieder‘ zu verwandeln.“

CTBUH-Direktor Antony Wood gibt Einblick in die Zukunft der Hochhäuser und des urbanen Raums. Darüber hinaus verrät er, welche Mobilitäts- und Architekturtrends man im Auge behalten sollte.

Beruflicher Werdegang und Verbindung zum CTBUH

URBAN HUB: Herr Wood, können Sie uns kurz etwas über Ihren beruflichen Werdegang und Ihre Verbindung zum CTBUH erzählen? Woher rührt Ihre Faszination für Hochhäuser?

ANTONY WOOD: Bereits als kleiner Junge haben mich Hochhäuser interessiert. Bücher und Science-Fiction Filme, in denen Hochhäuser vorkommen, haben damals einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Also studierte ich zunächst Architektur in England. Nach meinem Abschluss wollte ich die Welt erkunden und beschloss aus einer Laune heraus, nach Hongkong auszuwandern. Zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn arbeitete ich von 1991 bis 2001 als Architekt in Hongkong, Bangkok, Kuala Lumpur, Djakarta und England.

Ich machte meine Leidenschaft zum Beruf. Zur damaligen Zeit verliehen Hochhäuser der asiatischen Städtelandschaft ein komplett neues Antlitz. Als ich nach Großbritannien zurückkehrte, ergriff ich die Chance, das wachsende Interesse an nachhaltiger Planung mit der rasant wachsenden Popularität des Hochhausbaus zu verbinden. Ich gründete die Tall Buildings Teaching and Research Group an der Universität Nottingham und gab Kurse zum Thema Wolkenkratzer. 2006 war ich dank einer stattlichen Zahl an Veröffentlichungen als Experte auf dem Gebiet anerkannt. Zu dieser Zeit bat mich der damalige Vorsitzende des CTBUH, die Leitung des operativen Geschäfts der Organisation zu übernehmen. Bis heute konnten wir einen beträchtlichen Zuwachs an Mitarbeitern und Mitgliedern verzeichnen und unseren Einfluss und unsere Forschungsaktivitäten stark ausweiten.

The urban future is being discussed in Sydney

Die internationale CTBUH-Konferenz 2017 in Sydney

URBAN HUB: Warum haben Sie sich für Sydney als Veranstaltungsort entschieden?

ANTONY WOOD: Zunächst ist zu konstatieren, dass auch Melbourne und Brisbane Bestandteil unseres Programms sind, da diese Städte ähnlichen Dynamiken unterworfen sind. Es gibt einige Gründe, warum wir uns dieses Jahr für Australien entschieden haben. Alle drei Konferenzstädte erleben derzeit einen enormen Wandlungsprozess. Grund dafür ist der Bauboom, der Australien nach der Wirtschaftskrise 2008 erfasst hat und der zum einen auf dem Rohstoffreichtum des Landes gründet und zum anderen auf Investitionen aus asiatischen Ländern wie China, Singapur und Malaysia sowie den Handel mit dieser Region zurückzuführen ist. Außerdem verzeichnen australische Städte aufgrund nationaler und internationaler Bevölkerungsbewegungen ein beachtliches Wachstum.

Australien ist für seine hohe Lebensqualität bekannt. Den Menschen wird jedoch mehr und mehr bewusst, dass diese durch ein unzureichend geplantes und ungezügeltes Wachstum gefährdet wird. Das Verkehrsaufkommen und hohe Immobilienpreise sind bereits ein erhebliches Problem. Deshalb herrscht Einigkeit, dass vertikale Bauweisen ins Auge gefasst werden müssen, und zwar in enger Kooperation mit den zuständigen Planungsstellen und Verkehrsbehörden. Die resultierende Verdichtung des urbanen Raums soll sich vorwiegend auf Verkehrsknotenpunkte und einige große Infrastrukturprojekte konzentrieren, die in allen drei Konferenzstädten in Planung sind.

Darüber hinaus beheimatet Australien einige unserer ältesten Zweigstellen und treuesten Organisatoren, die in jahrelanger Arbeit eine Community von Vordenkern aus Disziplinen aufgebaut haben, die der Hochhausindustrie wertvollen Input liefern. Zudem ist das Innovationspotenzial hier besonders hoch, insbesondere in den Bereichen Modular- und Holzbauweise.

Green Building

Mobilität und Stadtentwicklung

URBAN HUB: Mobilität spielt eine große Rolle bei der Transformation von Städten wie Sydney. Neue Ansätze zur Modernisierung des Transportwesens sind auf dem Vormarsch (ACCEL, Hyperloop etc.). Wie wirken sich diese Innovationen auf den Veränderungsprozess in Australien und der Welt aus?

ANTONY WOOD: Unter Städteplanern herrscht Einigkeit, dass der motorisierte Individualverkehr strengen Nachhaltigkeitskriterien nicht standhält und sich negativ auf die Lebensqualität auszuwirken beginnt. Infolgedessen sind in Australien große Mobilitätsprojekte wie die Metro Sydney, der Metrotunnel in Melbourne und die Metro Brisbane in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Die Projekte wurden bewusst mit Bebauungsplänen abgestimmt, die von der neuen Infrastruktur profitieren sollen.

Auch im Hinblick auf die bestehende Infrastruktur ist viel Kreativität im Spiel. Ein Beispiel ist das Fährensystem in Sydney. Neben einer Verbesserung des Fahrangebots wird dabei auch der Zugang zur Strandpromenade und die Bebauung entlang der Routen ausgeweitet. Die Implikationen von Zukunftstechnologien wie Hyperloop bleiben zwar abzuwarten, aber wenn Sie sehen, was Investitionen in Hochgeschwindigkeitszüge in China, Spanien, Frankreich und Japan bewirkt haben, kann man sich unschwer vorstellen, dass auch Australien und andere Länder mit verstreuten und zersiedelten Metropolregionen von besseren und schnelleren Intercity-Verbindungen profitieren würden.

Die Zukunft von Architektur und Urbanisierung

URBAN HUB: Ihrer Erfahrung nach zu urteilen: In welche Richtung bewegen sich Architektur und Urbanisierung?

ANTONY WOOD: Beim Thema Nachhaltigkeit befinden wir uns aktuell an einem Scheideweg. Die Fakten liegen auf dem Tisch, und unabhängig davon, ob sie offiziell von allen Regierungen weltweit anerkannt werden, sind sich Städteplaner im Klaren darüber, dass der Klimawandel stattfindet und wir einen entscheidenden Beitrag dazu zu leisten haben, die Menschheit darauf vorzubereiten.

Ich bin optimistisch, dass zukünftig weitaus mehr Projekte die von uns kürzlich vorgeschlagene Richtung einschlagen werden: begrünte Fassaden / vertikale Vegetation, die verstärkte Ansiedlung von Infrastruktur in Schlagweite zum öffentlichen Nahverkehr, natürliche Küstenbefestigungen, die in die städtische Bauplanung (inklusive Hochhäuser) integriert werden etc. Gleichzeitig bin ich aber auch frustriert und skeptisch angesichts des Beharrens vieler Stadtentwickler, auch weiterhin denselben Einheitsbrei aus Glaskästen in Städten weltweit zu errichten und „Greenwashing“-Praktiken zu vertreten, die Nachhaltigkeit als reines Marketinginstrument betrachten. Ich denke, unsere Rolle und die von gleichgesinnten Organisationen ist es, diese Praktiken – gute als auch schlechte – zu brandmarken, wo wir ihnen begegnen.

Das nächste architektonische Juwel Sydneys: The Ribbon, realisiert durch das Architektenbüro HASSEL

Trends, die man im Auge behalten sollte

URBAN HUB: Welche Trends – ob visuell, gesellschaftlich oder im Hinblick auf notwendige Reformen – werden Ihrer Ansicht nach das städtische Leben am stärksten beeinflussen?

ANTONY WOOD: Den größten Einfluss wird zweifellos der Klimawandel haben. Das Problem ist, dass wir die genauen Auswirkungen nur in groben Zügen erahnen können. Jeder, der weltweit etwas mit Städteplanung am Hut hat, wird dieses Thema je nach Standort mit unterschiedlicher Dringlichkeit angehen müssen. Die Tatsache, dass ein Großteil der weltweiten Bevölkerung künftig in Städten leben wird – und dass unsere größten Städte oft in Küsten- oder Deltaregionen angesiedelt sind –, sollte Grund genug sein, alle Möglichkeiten auszuloten, die Auswirkungen des Klimawandels einzudämmen.

Diese Denkweise muss nicht nur heute, sondern auch in ferner Zukunft unter veränderten Rahmenbedingungen Anwendung finden. Das ist einer der Gründe, warum ich in meiner Funktion als Architekturprofessor am Illinois Institute of Technology in Kooperation mit dem CTBUH einen Studiokurs geschaffen habe, der von der Prämisse ausgeht, dass Megastädte mit mehr als 10 Millionen Einwohnern (davon gibt es aktuell 45 weltweit) weg von gefährdeten Küstenregionen verlagert werden müssen. Hochhaus- und Infrastrukturplaner müssen nun beweisen, dass sie in der Lage sind, groß zu denken – sowohl jetzt als auch zukünftig.

Sydneys Barangaroo ist eines der bedeutendsten Projekte weltweit zur Transformation von Hafenarealen. Küstenstädte sind vom Klimawandel besonders stark betroffen.

Was bringt die Zukunft für Down Under?

URBAN HUB: Australia is expected to shift from suburban, car-oriented cities to polycentric urban conglomerations. This will lead to a wider debate on city form, density, and height. What are your expectations?

ANTONY WOOD: I think this wider debate is already underway. The predominant oppositional views are not so much sprawl vs. density; it’s more a question of what kind, and what quality of density, and for whom? As is the case in many places, Australia is grappling with questions of housing affordability, and the international investment markets that seem to defy the laws of supply and demand. In other words, there’s a lot of building but prices are not going down, and quality is far from assured, from the perspective of sufficiency of accommodation of families of various sizes and characteristics, green/energy performance, and aesthetic quality.

The time for making the decisions that will render the high quality of life that makes Australia famous into a denser, more equitable, and greener format is now. On a bigger, global scale, these same issues persist in other places – polycentrism could be great for quality of life or it could make things worse depending on how it is implemented – and we will continue to address these issues with future programming and research.

Ein Blick auf die CTBUH Sydney 2017

The CTBUH International Conference has something for everyone working in the urban space. Local and international professionals can learn from Australian case studies on urban planning and architecture. Those folks working on the built environment can attend presentations on connected buildings, smart buildings, modular design, skyscrapers, sustainability, and lifecycle planning.

Urban planners will benefit from information on the design of public spaces, mobility, and climate-proofing coastal cities. All urban stakeholders are affected by many other topics, such as quality of life, air cleanliness, the work environment, and liveable skyscrapers. 

Image Credits

Sydney Opera Housetaken from flickr.com, photo by Ryan Wick, some rights reserved .

One Central Park, taken from flickr.com, photo by Ashley, some rights reserved .

Hyperlooptaken from rmit.edu.au©VicHyper, all rights reserved.

The Ribbontaken from hassellstudio.com, ©HASSELL 2017, all rights reserved.

Barangaroo Waterfront, taken from architectureau.com©Barangaroo Delivery Authority, all rights reserved.