Urbanization

Mit dem Strom schwimmen – Ben Hammersley über den Umgang mit der Flut von Megatrends

Our present day is unique, in Ben Hammersley’s view: a remarkably singular moment in our evolution as a species. Take the megatrend of digitalization, for example. We now possess quickly and constantly improving tools, the like of which we have never, ever had before. And that megatrend and others are truly global, meaning that the entire human population of the planet is experiencing their effects. That is, we are all dealing with changing work and social roles. We are all aware of the wonders of the Internet and growing urbanization. We also know that many scientists are warning us about the threat of climate change. So, for the first time in history, the people of Earth are united by knowledge and experience in real-time self-awareness. Despite that, there is major disagreement as to what is really going on, what it means, and what to do about it. In part two of this URBAN HUB interview, Ben Hammersley talks about this, and how we can successfully set a course towards a prosperous future.
Urbanization
Unsere Städte, unsere Zukunft - Urbanisierung, ein Trend der augenscheinlich nicht mehr abklingt, verändert unsere Art zu leben, zu arbeiten und miteinander zu interagieren.
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„Prinzipiell ist die Zukunft im Durchschnitt besser als die Vergangenheit. Doch damit das auch so bleibt, müssen wir die Art, wie wir leben und arbeiten, grundlegend ändern – größtenteils gezwungenermaßen. Es stimmt mich jedoch optimistisch, dass wir wissen, wie wir die Herausforderungen meistern können, vor denen wir stehen.“

Ben Hammersley

Herausforderung: Radikale Kurzsichtigkeit

Um umfassend von Megatrends profitieren zu können, müssen wir einige große Herausforderungen bewältigen. Eine der größten ist die „Nostalgie für eine nie dagewesene Vergangenheit“, von der im ersten Teil dieses Interviews die Rede war. Dabei geht es nicht nur um unterschiedliche Betrachtungsweisen der Realität, sondern um eine bewusste und reaktive Weigerung, auch nur einen Blick zu riskieren.

Laut Hammersley liegt das daran, dass sich manche Menschen von den aktuellen Entwicklungen bedroht fühlen. „Ganze kulturelle Gruppen halten an alten und traditionellen Gewohnheiten fest: wie sie über die Gesellschaft oder soziale Rollen denken, wie Unternehmen arbeiten sollten, wie sie Medien rezipieren, wie sie sich informieren usw.“

Ben Hammersley glaubt beispielsweise, dass „Leugner des Klimawandels das Problem eigentlich akzeptieren. Es ist für sie jedoch praktisch unmöglich, über die notwendigen Änderungen nachzudenken, die es mit sich bringt, weil sie mit ihren Lebensgewohnheiten so unvereinbar sind, dass sie nur eine Möglichkeit sehen, das Problem kognitiv zu verarbeiten: Sie leugnen es von vornherein. Also verdrängen sie Beweise für den Klimawandel oder bestimmte Krankheiten, um nicht darüber nachdenken zu müssen.“

„Ich fange an, mich gegen den Ausdruck ‚zurücklassen‘ zu wehren. Einige Menschen werden weniger zurückgelassen, als dass sie stur auf ihrem Standpunkt beharren und stehenbleiben.“

Ben Hammersley

Herausforderung: Ungleiche Vorteile

Diese Abwehrreaktion wird durch die ungleiche Verteilung von Vorteilen bei der Arbeit mit – und nicht gegen – Megatrends wie die digitalisierte Gig-Economy noch verstärkt. Die Vorteile variieren von Ort zu Ort.

Hammersley drückt es folgendermaßen aus: „Wie die Zukunft sich auf uns auswirkt, hängt davon ab, in welchem Land wir leben. Arbeitsgesetze und Bürgerrechte sind in einigen Ländern viel fortschrittlicher als in anderen. In manchen Ländern verliert man beispielsweise mit dem Job nicht gleichzeitig auch seine Krankenversicherung. Man muss nicht verhungern und wird auch nicht obdachlos.“ Doch „in anderen Ländern hat man einfach Pech! Man ist pleite und kann furchtbar abrutschen.“

Deshalb muss jede Gesellschaft nach einem sozialen Gleichgewicht streben. „Wenn wir über die Gig-Economy reden, dann normalerweise aus Sicht der multinationalen Elite, die Wissensarbeit betreibt und in Sachen IT gut aufgestellt ist. Ihnen kommt die Gig-Economy zugute.“ Doch Hammersley ist der Ansicht, dass jeder profitieren sollte, nicht nur einige wenige.

Herausforderung: Mangelnde Vorstellungskraft

Ben Hammersley ist der Ansicht, dass radikale Kurzsichtigkeit und ungleiche Vorteile auch als Folgen einer tieferliegenden Ursache betrachtet werden können: mangelnde Vorstellungskraft und fehlende Vision im Hinblick darauf, wo uns die Megatrends hinführen. Hinzu kommt ein unzureichendes Vokabular und fehlende kognitive sowie rechtliche Strukturen, um die Trends zu beschreiben und auf ihre Auswirkungen zu reagieren.

Und weil wir die erforderlichen neuen Ideen und Strukturen noch nicht entwickelt haben, laufen wir Gefahr, die alten zu nutzen, die nicht mehr geeignet sind. „Die Welt wird angesichts all der Megatrends immer schneller, und es entsteht eine starke Gegenbewegung, die sich nach einer einfacheren Vergangenheit sehnt, in der jeder seinen Platz kannte.“

„Doch in einem Zeitalter des massiven Wandels kommt radikale Nostalgie einem Rückgang gleich. Man bewegt sich – relativ gesprochen – rückwärts, auch wenn man stillsteht, denn alle anderen gehen vorwärts.“

Die Herausforderung, Herausforderungen anzunehmen

Blickt Futurist Ben Hammersley angesichts dieser Probleme optimistisch auf die Zukunft? Ja, doch er ist auch vorsichtig: „Es stimmt mich pessimistisch, dass sich in einigen Ländern ganze Generationen aufbäumen – in den letzten verbliebenen Jahren politischer und wirtschaftlicher Macht von Menschen, die diese Probleme nicht wahrhaben wollen.“

Doch Hammersley ist der Ansicht, dass die Megatrends uns mitreißen werden, ob es uns gefällt oder nicht. „Es wird Pendelschwünge und Rückschritte geben, doch wir können davon ausgehen, dass der ernsthafte Umgang mit diesen Megatrends in den nächsten Jahren großflächig unterstützt wird. Vielerorts kann man förmlich spüren, wie sich der Druck für konstruktives Handeln aufbaut.“

Im Großen und Ganzen ist Hammersley optimistisch. Widerstand ist sozusagen zwecklos, und dank dem Lauf der Geschichte sind wir bereits auf dem richtigen Weg. Natürlich gibt es viel zu tun, und wir müssen „die Art, wie wir leben und arbeiten, grundlegend ändern […]. Es stimmt mich jedoch optimistisch, dass wir wissen, wie wir die Herausforderungen meistern können, vor denen wir stehen.“

Lösung: Veränderung akzeptieren

Aus Hammersleys Sicht ist eine der besten Möglichkeiten, sich auf die Zukunft vorzubereiten, sich einfach die Gegenwart zu eigen zu machen. Wie? Zunächst einmal müssen wir uns umeinander kümmern. „Die Gesellschaft sollte sich um die Gesellschaft kümmern. Jeder ist mit jedem vernetzt. Damit umfassender sozialer Wandel funktioniert, müssen wir gemeinsam auf politischer Ebene entscheiden, welche Veränderungen wir möchten und wie wir sie umsetzen.“

Außerdem brauchen wir gute Anführer. „Die Art der politischen Führung ist zentral für künftige Entwicklungen. Einige Länder werden sagen, dass die Gig-Economy problematisch ist und wir deshalb gemeinsam als Gesellschaft eine neue Arbeitsidentität kreieren! Das ist schließlich die Verantwortung der Regierung. Diese Menschen wählen wir, damit sie die administrative Arbeit in der kollektiven Infrastruktur übernehmen, die das Gewebe unserer Existenz ist.“

„Die Wahrheit ist, dass Megatrends in jedem Land Herausforderungen mit sich bringen.“ Mit anderen Worten: Vor der Zukunft kann man nicht fliehen, denn sie hat bereits begonnen. Das heißt zum Beispiel, „dichter besiedelte Städte sind nicht nur ein gesellschaftlicher Trend, sondern auch ein politischer. Die Politik animiert die Menschen dazu, im dichter besiedelten urbanen Umfeld zu leben.“

Die Bedeutung von Worten und Ideen

Wir benötigen auch neue Methoden zur Konzeptualisierung und Beschreibung von Veränderungen und ihren Auswirkungen. „Unsere Gehirne funktionieren gut – unsere Erkenntnis braucht kein Cyber-Punk-Upgrade, sondern lediglich ein neues Vokabular und neue kognitive und rechtliche Strukturen, um die Entwicklungen zu beschreiben und darüber zu sprechen.“

Eine Möglichkeit sieht Hammersley in der „Verschiebung unserer traditionellen kulturellen Analogien und Metaphern“, um neue Räume zum Denken zu schaffen. „Um all diese Veränderungen erfolgreich zu meistern, braucht es einen umfassenderen und zukunftsorientierteren Ansatz: Wir dürfen all diese Dinge nicht mehr separat betrachten, sondern müssen sie ganzheitlich und mit offenen Augen sehen.“

 

Hammersley sagt, dass wir neue Methoden entwickeln müssen, um verstehen und besprechen zu können, wo uns die Megatrends hinführen. Wie können wir das tun? In diesem kurzen Video gibt er einen Einblick: „Shifting analogies is the definition of innovation“.

Das Unerwartete erwarten: Die Rolle der Serendipität

Hammersleys Methode, um in Zukunft erfolgreich zu sein, ist simpel: Wir müssen mehr darauf achten, was heute wirklich um uns herum passiert, und offener für das Unerwartete sein. „Es ist schlichtweg unmöglich, sich auf die nächsten 20 Jahre vorzubereiten. Wir können uns lediglich auf morgen vorbereiten – und auch das nur, wenn wir schon heute alles konstant und aktiv hinterfragen.“ Mit anderen Worten: Wir müssen Serendipität in Kauf nehmen.

Laut Ben Hammersleys ist Serendipität für den Umgang mit der Zukunft zentral (siehe Kasten). Märchen und Geschichten für Kinder beruhen oft auf Serendipität. Eine Prinzessin küsst einen Frosch aus reiner Güte und findet die wahre Liebe. Kinder lieben solche Geschichten – zum Teil, weil sie noch empfänglich für ihre Botschaften sind. Ben Hammersley schlägt vor, dass wir von unseren Kindern lernen und zu einem Zustand zurückkehren, in dem wir konstant offen dafür sind, überrascht zu werden.

 

„Serendipität ist eine der großen Triebkräfte des Lebens und des persönlichen und kulturellen Fortschritts. Sie ist auch einer der Gründe, warum Städte so lohnenswert sind. Städte sind Maschinen, die die Serendipität maximieren.“

Ben Hammersley

Städte sind die Zukunft der Zivilisation

Und laut Ben sind Städte der entscheidende Faktor in unserer Evolution. „Städte sind die Zukunft der Zivilisation. Dank ihrem offenen und flexiblen Wesen können wir die nötigen kognitiven und kulturellen Strukturen entwickeln, um vernünftig mit unserer Technologie umzugehen.“ 

Die gute Nachricht: Wir können den Megatrends zwar nicht entfliehen, die nötigen Lösungen für eine strahlende und nachhaltige Zukunft sind jedoch bereits vorhanden. Der Megatrend Digitalisierung sorgt dafür, dass uns immer bessere Tools zur Verfügung stehen. Und der Megatrend der massiven Urbanisierung gibt uns die ideale Werkstatt, in der wir gemeinsam neue Visionen entwickeln und die Macht der Megatrends nutzen können, um Wunder zu bewirken.

 

Ben Hammersley is in high demand worldwide. Around the same time he was talking with URBAN HUB, he was also in Hyderabad, India, giving a keynote addressing some additional subjects, including AI (artificial intelligence) and cybercrime, and how they interrelate. Watch here.

What is serendipity?

Coined by Horace Walpole in 1754, the term “serendipity” is today often thought to simply mean a coincidence, good luck, or a happy ending. But the deeper meaning is a bit richer and more complex: the idea of discovering valuable things by accident.

There are three parts to this. One is the idea of actively seeking something: a solution, a place, an answer, or whatever. Serendipity is not a passive or lazy term – being actively in quest of something is a necessary component to the experience of serendipity.

The second part is the permanent potential presence of accident, in the sense that things happen all the time, all around us, that we neither plan, control nor foresee. That seems obvious, of course, yet who hasn’t been caught in the rain without an umbrella?

However, it is the third component that gives this word its power and magic. Simply put, you have to be open to the accidental or unexpected that inevitably occurs while on your quest. That also sounds simple, but given how easily distracted we humans can be, we often encounter something as we progress through our days, and completely fail to see what it is.

Ben Hammersley finds the term so useful because much of his work revolves around enticing and encouraging people to understand the future by more seriously considering what is already happening, right in front of their eyes. People can fill their heads with planning for the future to the extent that they miss out on what is already going on.