Urban Lifestyle

Popups in der Stadt: das Nomadentum kehrt zu seinen Wurzeln zurück

Das Konzept der Popups ist dabei alles andere als neu. Denn schon die alten Nomadenvölker zogen Tausende Jahre lang umher, bauten etwas auf und zogen dann weiter. Im Laufe der Geschichte waren fahrende Händler allgegenwärtig, und Markttage boten den Nährboden, auf dem ihre „Popups“ sprießten und dann wieder verwelkten. An einigen Orten verschwand das Phänomen komplett von der Bildfläche und wurde durch permanente Bauten ersetzt. Stadtverordnungen wurden um entsprechende Verbote ergänzt. Doch in vielen Weltgegenden sind die Straßenhändler nie aus dem Stadtbild verschwunden und sorgen dort noch heute für eine besondere Atmosphäre. Und auch dort, wo es sie schon lange nicht mehr gibt, wagen die Popups seit Neuestem ein Comeback!
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Leben in der Stadt der Zukunft - Haben wir einmal den Einfluss urbanen Lebens auf die Umwelt erfasst, können wir den Weg zu einer lebenswerten und grünen Stadt der Zukunft ebnen.
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Erstellt am 04.10.2019

Die Ursprünge: ein Markt in Wien

Das moderne Konzept der temporären Verkaufsflächen ist in der Geschichte tief verwurzelt. Die traditionellen Weihnachtsmärkte sind ein gutes Beispiel dafür. Diese saisonalen Märkte datieren auf das Wien des 13. Jahrhunderts zurück und waren für die Händler besonders attraktiv, da die Stellflächen viel günstiger zu haben waren als reguläre Ladenlokale. Und auch die Kunden waren leicht zu überzeugen, da das Warenangebot auf eine bestimmte und noch dazu beliebte Gelegenheit zugeschnitten war.

Vienna Christmas Market

Der Neuanfang im Einzelhandel: ein Parkplatz in Los Angeles

Dieses Konzept wurde beim „Ritual“-Event in Los Angeles im Jahr 1997 erneut aufgegriffen. Bei der Veranstaltung, die auf einem Parkplatz stattfand, wurde Kunst und Musik von unabhängigen Produzenten angeboten. Der Nachtclubbetreiber Patrick Courrielche holte dann noch Streetwear kleiner Modelabels mit ins Boot. Der große Erfolg spülte die Popups aus ihrer Nische in den Mainstream.

Los Angeles Car Park

Kein Parkplatz, sondern ein passender Ort für Popups.

Im Zeichen großer Marken: ein Schuhkarton in London

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Unternehmen Geld in die Hand nahmen und den Popup-Verkauf auf ein neues Niveau hoben. Ein Beispiel hierfür ist die Adidas Shoebox, die 2014 in London ihre Pforten öffnete. Zwar sind Parkplätze auch heute noch attraktive Standorte für temporäre Verkaufsflächen, die meisten Unternehmen bevorzugen jedoch Orte mit viel Laufkundschaft wie zentrale Plätze und Bahnhöfe. Hier können Sie einen Stand, einen Container oder ein Zelt aufbauen oder aber ihre Produkte direkt von einem fahrbaren Untersatz aus verkaufen.

Adidas Shoebox

Kuriose Verkaufsflächen: ein Boot in New York

Auch Popup-Shops werden immer beliebter. Dabei handelt es sich um eine bestimmte Form der Zwischennutzung. Diese kann in leerstehenden Gebäuden aber auch an anderen Orten stattfinden. Die amerikanische Supermarktkette Target machte Schlagzeilen, als sie mit ihrem Popup-Boot in New York festmachte. Beliebt sind auch vorübergehende Auslagen in regulären Geschäften. Die Frage ist aber, ob es sich bei der Nutzung gewöhnlicher Verkaufsflächen tatsächlich noch um einen Popup-Shop handelt. Die Fachleute sind uneins, das Phänomen dürfte aber erhalten bleiben.

Katastrophenhilfe in der Innenstadt von Christchurch

Popup-Shops bieten nicht nur Experimentierflächen für den Einzelhandel, sondern werden auch als Werbeflächen für Restaurants und Unterhaltungsangebote genutzt. In Hongkong tanzt man in Popup-Clubs durch die Nacht. Popups werden aber auch für ernste Themen genutzt. Im neuseeländischen Christchurch wurden Container aufgestellt, um den Warenbedarf der Einwohner nach dem verheerenden Erdbeben von 2011 zu decken. In Athen versucht man hingegen, mit Popups die Wirtschaft wieder anzukurbeln.

Pop Up Store

Soziales Engagement: die Busschule von Rio de Janeiro

Künstlerische und städtebauliche Ansätze erschließen das Konzept der Popups auch für die Bewältigung sozialer Probleme. In Amsterdam werden Obdachlose in Containern untergebracht. In San Francisco wurden ausrangierte Busse mit Duschen und Toiletten ausgestattet, um mobile Unterkünfte für Obdachlose zu schaffen. In Rio de Janeiro findet in Bussen Unterricht für benachteiligte Kinder statt.

Manchmal geht es auch nur um die Sensibilisierung für ein bestimmtes Thema. In Philadelphia verlieh ein Popup-Park dem brachliegenden Spruce Street Harbor zur Begeisterung der Anwohner zwei Monate lang ein neues Gesicht. Und in Kuala Lumpur richtete die Stadt einen Monat lang kleine, temporäre Grünflächen samt Schachbrettern, Sitzmöglichkeiten und Bücherregalen im historischen Stadtzentrum ein. Findet die Idee Anklang, wird daraus unter Umständen ein dauerhaftes Angebot.

Shipping Containers

Im Dienst der Gemeinschaft: ein Carport in Tokio

Im Gegensatz zu den Angeboten großer Marken und Stadtplaner geht es bei quartierspezifischen Zwischennutzungen vor allem darum, dass die Anwohner Flächen in ihrer Umgebung umnutzen oder aufwerten. Derartige Projekte schreiben zwar nicht immer Schlagzeilen, verbessern aber die Lebensqualität in ihrem Umfeld.

In Kopenhagen haben 1000 Anwohner eine Brachfläche über Nacht gemeinsam in einen Garten verwandelt. In San Francisco bietet die Stadt selbst Hilfestellungen, wie Flächen in Stadtteilgärten oder temporäre Parkflächen umgewandelt werden können. Und in Tokio hat ein Mann zur Freude seiner Nachbarn sogar sein eigenes Carport in eine öffentliche Grünfläche umgewandelt.

The guerrilla PARK(ing) movement transforms urban space.

Der Popup-Inkubator: die Messe von Dubai

Fachmessen sind echte Inkubatoren für Popups. Denn hier lässt sich beobachten, welchen Wirbel schon eine dreitägige Ausstellung verursachen kann. Viele Aussteller sehen das möglicherweise anders, die klugen aber nicht. thyssenkrupp Elevator präsentierte bei der Airport Show Dubai seine Produkte und Dienstleistungen in einem VR-Showroom. Das große Interesse veranlasste das Unternehmen dazu, auch an anderen Orten im Nahen Osten temporäre VR-Ausstellungsflächen aufzubauen.

VR Showroom

Popups im städtischen Kontext

Die Zwischennutzungen von heute bieten ganz unterschiedliche Vorteile. Einer davon ist die Agilität, die etwa in der Ersthilfe von Vorteil ist. Die Flexibilität, neue Möglichkeiten zur Bewältigung chronischer Probleme zu finden, ist ein weiterer Vorteil – ebenso wie die Produktwerbung. Popups fördern auch die Kreativität, etwa im Umgang mit Leerstand oder indem sie bürgerschaftliches Engagement oder völlig neuartige Erfahrungen ermöglichen.

Popups verändern das Gesicht einer Stadt. Sie prägen die Atmosphäre in ihrem Umfeld und bringen Spontaneität und Lockerheit in den Alltag. Sie führen das Nomadische und vermeintlich Ungeplante zurück an seinen Ursprung und sind wie ein weicher Kitt, der die harten Bauwerke zusammenhält.

 
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