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Deane Simpson: Umgebungen müssen aufgrund alternder Bevölkerungen neu gedacht werden

Die Bevölkerung altert, und zwar schnell. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO wird im Jahr 2020 die Zahl der Menschen, die 60 Jahre und älter sind, erstmalig die Zahl der Kinder unter fünf Jahren überschreiten. Die WHO schätzt, dass 2050 22 % der Weltbevölkerung über 60 Jahre alt sein werden. In Japan liegt diese Zahl bereits heute bei 30 %. Ein Ergebnis dieser Entwicklung ist, dass sich die Bedeutung des Alters verändert. Das traditionelle Verständnis wird heute besser mit der Bezeichnung „altes“ Alter widergeben. Zwischenzeitlich nahmen Stadtforscher wie Deane Simpson einen vollkommen neuen Term zur Beschreibung der „dritten Lebensphase“ auf: Die „jungen Alten“ sind sowohl gesund und aktiv als auch schwer mit der Erkundung der sich daraus ergebenden Möglichkeiten beschäftigt.
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Erstellt am 18.10.2018

Der Anstieg der älteren Bevölkerung und das Aufkommen der „jungen Alten“

Um 1950 wurde klar, dass etwas sehr Einzigartiges passierte. Die Zahl der alten Menschen stieg. Dank einem besseren Gesundheitswesen und dem Wirtschaftsaufschwung nach dem Krieg stieg die Lebenserwartung in bisher nie dagewesene Höhen.

Viele diese älteren Menschen hatten auch die Zeit, die Mittel und den Wunsch, über die Bedeutung des Alterns nachzudenken. 1954 wurde Youngtown (!) in Arizona zur ersten Rentnerstadt. Im Jahr 1960 folgte dann die Eröffnung von Sun City; auf dem Gelände einer nahe gelegenen Geisterstadt gab es Wohnhäuser, ein Einkaufszentrum, ein Freizeitzentrum und einen Golfplatz. Tatsächlich fühlten sich zahlreiche alte Menschen noch nicht besonders alt und die „jungen Alten“ wollten nicht einfach nur herumsitzen.

Die Auswirkungen eines längeren Lebens

Deane Simpson fasst zusammen: „Dieses dritte Alter ist frei von den Verantwortungen aus Erwachsenenalter und Kinderzeit: Arbeit, Kinderbetreuung, Sozialisierung und Bildung. Gleichzeitig spielen die geistigen und körperlichen Einschränkungen der letzten Lebensphase noch keine Rolle.“

Die Schwierigkeit hierbei ist, dass es für diese Personengruppe keinen klar definierten Plan gibt. „Eine der wichtigsten Implikationen dieser neuen sozialen Gruppe ist der Mangel an Präzedenzfällen und Protokollen hinsichtlich der Fragen, wie, wo und mit wem sie leben sollten.“

Also müssen (insbesondere) die jungen Alten das selbst herausfinden. „Demzufolge wird diese Gruppe als demografisches Experimentierfeld für neue Formen der Subjektivität, der Kollektivität und architektonischer sowie urbaner Umfelder verwendet.“

Experimente auf der Suche nach Gemeinschaft

Die älteren Menschen von heute sind die Vorreiter eines neuen Zeitalters. Einige verlassen ihre Heimat und gehen an andere Orte. Einer der Hauptgründe dafür ist „das Gefühl, dass die eigene Wohnung oder Gegend oder beides ungeeignet für ältere Menschen ist“. So ist beispielsweise „ein dünn besiedelter Vorort, wo Mobilität hauptsächlich von privaten Fahrzeugen abhängt, extrem problematisch, wenn man nicht fahren kann.“

Viele zieht es an Orte, die „besseres Wetter, Sicherheit, Sozialleben und Aktivitäten bieten, mit einem erschwinglichen und etablierten Gesundheitswesen sowie einem Umfeld, indem Alter nicht stigmatisiert wird, und wo man sich durch Freizeit neu erfinden kann.“ Aber egal wohin sie gehen, alle scheinen auf der Suche nach einer Gemeinschaft, in der sie sich heimisch fühlen können.

Deane Simpson hat viele der neuen Gemeinschaften erforscht, in denen Senioren dieses Zugehörigkeitsgefühl schaffen wollen. Lösungen wie die von The Villages in Florida, die vorsätzlich eine private, altersgetrennte Stadt erschaffen und vermarkten, in der die Verdrängung derletzten Lebensphase gefördert wird, sieht er kritisch.

Auswirkungen auf Architektur und Stadtplanung

Selbst Experimente wie The Villages mögen notwendige Schritte auf der Suche von Individuen und Gesellschaften nach neuen Lösungen sein. Aber die meisten Menschen möchten nicht so weit gehen. Laut der AARP in den USA möchten „87 % der Menschen über 65 im Alter in ihrer momentanen Wohnung und Gemeinschaft bleiben“. Ist das so schwierig?

„Altern in Gemeinschaft … könnte die Art des sozialen Netzwerks oder die Verbindungen innerhalb der Gemeinschaft aufrechterhalten. Parallel dazu könnte mehr geeigneter Wohnraum bereitgestellt werden, der gleichzeitig die Gemeinschaft zusammenhält und die Einschränkungen“ dünn besiedelter Gebiete oder mehrstöckiger Gebäude ohne Aufzüge überwindet.

„Unterstützt eine Gesellschaft ältere Menschen in ihrem Wunsch, in der eigenen Wohnung zu bleiben, hat das viel für sich. Aber in der Realität gibt es dabei Probleme.“ Vorhandene Pläne und Strukturen müssen erneut geprüft werden, „um beispielsweise Mobilität und Barrierefreiheit zu verbessern sowie die weiter gefasste Frage zu klären, wie wir diese verschiedenen Altersgruppen und Bedürfnisse nuancierter und spezifischer ansprechen.“

„Visualisierung ist eine Art der Kommunikation ... Sie kann ein relevantes Werkzeug sein, mit dem wir Menschen aufzeigen, wie ihr vorhandenes Umfeld an ihre Bedürfnisse im Alter angepasst werden kann. Entscheidungsträger und Politiker hingegen können die Auswirkungen einer vorgeschlagenen Änderung auf das städtische Umfeld sehen.“
Professor Deane Simpson, The Royal Danish Academy of Fine Arts, School of Architecture

Auch Städte experimentieren

Da die Bevölkerung weltweit altert, stellen sich zahlreiche Städte den Herausforderungen des „Alterns vor Ort“, so zum Beispiel:

  • Vancouver, wo Einliegerwohnungen in den Vororten gefördert werden, „damit dünn besiedelte Bereiche verdichtet und die vorhandenen Häuser um kleinere Wohneinheiten erweitert werden, die für Senioren möglicherweise besser geeignet sind.“
  • Barcelona arbeitet „in der Nähe von Kultureinrichtungen und kleineren Gemeindezentren an der Entwicklung sozialer Infrastrukturen, die einer geclusterten Seniorenpopulation dienen“, so beispielsweise in den Superblocks.
  • Kopenhagen experimentiert mit der „Zusammenführung von Altenpflegeeinrichtungen mit denen für andere Altersgruppen wie Kindergärten, Schulen oder Cafés, um der Isolierung oder Abgrenzung von Senioren entgegenzuwirken.“
  • In Amsterdam „leben Studenten in Gemeinschaften oder Institutionen, wo sie als Gegenleistung für ihre Unterstützung bei der Betreuung von Senioren preiswerten Wohnraum erhalten.“
  • Und in New York City dokumentiert das Architekturbüro Interboro im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus natürlich vorkommende Ruhestandgemeinschaften (Naturally Occurring Retirement Communities, NORCs), um das „vielseitige städtische Leben, das den Raum um diese Gemeinschaften herum unterstützt“ besser zu verstehen. Damit soll die Aufrechterhaltung dieser Räume in Großstädten gefördert werden, da in NORCs bereits viele Dinge geboten werden, die ältere Menschen benötigen, um sich heimisch zu fühlen.

Senioren bleiben technologisch vernetzt

Technologie hilft älteren Menschen, auch weiterhin in die Gemeinschaft eingebunden zu bleiben. Elektrische Golfwagen stellen in Gegenden mit warmem Klima oftmals eine unproblematische Transportlösung dar, und dank satellitenbasierter Kommunikationssysteme können ältere Nomaden im Campingwagen unterwegs virtuelle und Pop-up-Communitys pflegen.

Eine weitere Möglichkeit ist die Nutzung von Mixed-Reality-Headsets (MR-Headsets), mit deren Hilfe Mobilitätslösungen recht einfach in vorhandene Häuser integriert werden. thyssenkrupp Elevator schloss sich mit Zhülke zusammen, um basierend auf der HoloLens-Technologie von Microsoft HoloLinc zu entwickeln. Damit können Menschen, die einen Treppenlift benötigen, diesen problemlos virtualisieren.

Dank des IoT-basierten Systems können die Menschen den Lift nicht nur in ihrem eigenen Treppenhaus „sehen“, sondern auch schnell das Design anpassen, damit das Produkt in ihr Heim passt. Nach der Entscheidung wird die Produktion automatisch ausgelöst, und der emotionsgeladene Prozess des Bestellens und Installierens eines Treppenlifts wird von Monaten auf Tage verkürzt.

 
 Copenhagen

Der Zeitenwandel eröffnet neue Möglichkeiten

Mit steigender Lebenserwartung steigt auch die Rolle älterer Menschen im Aufbau und der Gestaltung von Städten und der Gesellschaft. Die jungen Alten von heute und Städte auf der ganzen Welt experimentieren aktiv in diesem Bereich. Diese Experimente in Bezug auf Individualität und Gemeinschaft liefern Forschern wie Deane Simpson viel Material zur Untersuchung dieser Thematik.

Diese Forschungsarbeit wird in Verbindung mit neuen Technologien wie HoloLinc schließlich einen detaillierten Plan zur Entwicklung der barrierefreien Gebäude und inklusiven Städte von morgen ergeben. Das Ziel sind Gemeinschaften, in denen sich alle heimisch fühlen.