Smart Mobility

Wie revolutioniert MULTI urbane Mobilität? Uwe Winter im Gespräch

MULTI ist ein Meilenstein der urbanen Mobilität und wird die Planung moderner Städte von Grund auf verändern. Doch zunächst muss aus dem Prototypen ein Produkt entwickelt werden, das für Kunden wirtschaftlich attraktiv und für die Massenfertigung geeignet ist. Das ist der nächste Schritt für MULTI. URBAN HUB sprach mit Uwe Winter, dem neuen Vice President Operations – MULTI, um mehr über die Industrialisierung des MULTI zu erfahren.
Smart Mobility
Unterwegs zu besseren Lösungen - Die Menschen sind verstopfte Städte leid und entwickeln neue smarte Mobilitätslösungen in Form von innovativen Technologien und intuitiven Apps, die öffentlichen Nahverkehr, bessere Infrastrukturen und Car-Sharing-Projekte kombinieren.
411 Aufrufe

Erstellt am 21.02.2019

Vom Auto zum Aufzug

Im Anschluss an sein Ingenieurstudium arbeitete Uwe Winter rund 20 Jahre in der Automobilbranche, bevor er den Einstieg bei thyssenkrupp Elevator wagte. Winter weiß genau, wie aus dem Prototypen eines Fahrzeugs ein Serienwagen wird. Seine umfangreiche Erfahrung möchte er nun einsetzen, um den MULTI-Prototypen in ein Produkt zu verwandeln, das Stadtplanern und Gebäudedesignern neue Perspektiven eröffnet und den Anforderungen von Unternehmen gerecht wird.

Teamwork als Schlüssel zum Erfolg

URBAN HUB: Was ist Ihre primäre Mission als Vice President Operations – MULTI bei thyssenkrupp Elevator, und inwieweit hilft Ihnen Ihre Vergangenheit in der Automobilindustrie beim Erreichen der gesetzten Ziele?

Uwe Winter: Kurz gesagt: Ich sorge dafür, dass MULTI auf dem Markt eingeführt wird. Davor sind jedoch einige Herausforderungen zu bewältigen. Unser F&E-Team arbeitet an der Optimierung des Designs, und wir müssen hochwertige Materialien zu wettbewerbsfähigen Preisen beschaffen. Ebenso müssen wir die Montage und Installation möglichst effizient gestalten.

Im Augenblick erarbeiten wir jeden Tag neue Ideen, um MULTI noch konkurrenzfähiger zu machen, und testen jede Option so lange, bis wir überzeugt sind, die beste Lösung für unsere Kunden gefunden zu haben.

In vielen Bereichen ist meine Erfahrung in der Automobilbranche von Nutzen, aber der größte Erfolgsfaktor ist die bereichsübergreifende Zusammenarbeit – jeder aus unserem Team gibt sein Bestes oder wächst teilweise gar über sich hinaus. Ich habe viele Jahre in einer solcher Umgebung gearbeitet und freue mich jetzt Teil eines Teams zu werden, das komplett auf seine Innovationsfähigkeit fokussiert ist und darauf vertraut.

Das Team ist exzellent, und die Arbeit hier ist einfach super. Wir sind wie eine kleine Familie; ich habe mich vom ersten Tag an heimisch gefühlt. Dinge werden angepackt, und der Spaß kommt auch nicht zu kurz. Wir sind funktionsübergreifend organisiert und somit nicht in unseren „Silos“ gefangen. Wir fordern uns ständig gegenseitig – zum Wohle des Projekts, zum Wohle unserer Firma und zum Wohle des Kunden. Was kann man mehr von einem Team erwarten?

MULTI in operation

Das Modelleisenbahn-Prinzip

URBAN HUB: Das Layout von MULTI kann je nach Gebäudeplan stark variieren. Das bedeutet, dass jede Installation von MULTI den situativen Gegebenheiten angepasst werden muss. Erschwert dieser Aspekt die Serialisierung der Produktion – im Vergleich zum Auto beispielsweise?

Uwe Winter: Komplexität ist in der Autoindustrie seit Erfindung des Fließbands ein beträchtliches Problem. Vielleicht erinnern Sie sich noch an das berühmte Zitat von Henry Ford: „Jeder kann seinen Wagen beliebig anstreichen lassen, wenn der Wagen nur schwarz ist.“ Glücklicherweise gab es in der Branche kluge Ideen im Hinblick auf die Generierung von Mehrwert, aber besonders für Volumenhersteller wurde dies zu einem kritischen Problem im Hinblick auf Investitionsanforderungen und Rentabilität.

Doch richten wir den Blick auf MULTI. Wir müssen die Komplexität gut im Auge behalten. Mit MULTI können wir Module erstellen, die wir an verschiedenen Standorten wiederverwenden können. Das ist vergleichbar mit einer Modelleisenbahn: Da gibt es die normalen Schienen, Kurven, Schalter und Kreuzungen, und mithilfe dieser Standardteile baut man sich dann seine ganz persönliche Eisenbahn.

Wir wollen einen ähnlichen Ansatz verfolgen. Das Team definiert aktuell die technischen Funktionen und die zur Veröffentlichung vorgesehenen Module. Bei einem neuen Bauprojekt können wir dann Module aus unserer Datenbank auswählen und unseren nächsten MULTI ähnlich einer Modelleisenbahn bauen. Für eine neue Kombination können wir problemlos neue Module hinzufügen, ohne ein einziges Modul oder Bauteil anzupassen. Dieser Ansatz erleichtert vieles und spart Zeit beim Engineering, bei Tests, bei der Installation und bei der behördlichen Zulassung.

 
MULTI

MULTI erfüllt die Anforderungen von Gebäuden und Unternehmen

URBAN HUB: Welche Herausforderungen sind noch bei der Umwandlung des MULTI-Prototyps in ein Serienprodukt zu erwarten?

Uwe Winter: Die Herausforderung besteht darin, das aktuelle Design zu optimieren, um daraus ein rundum solides Geschäftsmodell zu machen. Aber zunächst benötigen wir ein zuverlässiges und voll funktionsfähiges Design.

Als ich zum Team stieß, war ich überaus positiv überrascht davon, wie gut die Ingenieure die Anforderungen definieren, die dem endgültigen Design als Grundlage dienen. Die größte Herausforderung liegt nun darin, diese Anforderungen in serielle Designs zu überführen und gleichzeitig das beste Fertigungsverfahren im Hinblick auf Kosten, Durchlaufzeit, Robustheit und Funktionalität zu finden.

Parallel dazu stellen wir ein Team aus Industrialisierungsexperten zusammen, das den Installationsprozess entwickelt. Zusammenfassend besteht die Herausforderung also darin, all diese Aktivitäten zu koordinieren, ohne in irgendeiner Hinsicht die Kontrolle zu verlieren. Das erfordert Disziplin in allen Abteilungen und ein äußerst detailliertes Projektmanagement. In jedem Fall sind wir jedoch absolut überzeugt davon, dass aus MULTI ein erfolgreiches Produkt wird.

Aufbruch in eine neue Ära der Mobilität

URBAN HUB: Was hat Sie nach 20 Jahren in der Autoindustrie dazu bewogen, in die Aufzugbranche zu wechseln?

Uwe Winter: Das ist eine schwierige Frage. Es gibt nicht die eine Antwort darauf, warum ich diesen Schritt unternommen habe. In jedem Fall bin ich mit ganzem Herzen Projektgestalter, Ingenieur und Technikbegeisterter. Als ich das erste Mal von MULTI und seinem Potenzial gehört habe, war ich sofort hin und weg. Ich bin fest davon überzeugt, dass MULTI der Schlüssel zu urbaner Mobilität in Megastädten ist. Stellen Sie sich eine Stadt vor, die von Wolkenkratzern dominiert wird: Ein Großteil der Fortbewegung wird sich in Innenräumen abspielen. Der Trend hin zu Megastädten hält an, weshalb ich fest an unser Produkt glaube.

Außerdem ist es nach so vielen Jahren in einer Branche doch toll, nochmal etwas komplett Neues zu machen. In meiner Zeit als leitender Ingenieur habe ich nie mit Architekten zusammengearbeitet und musste mir niemals darüber den Kopf zerbrechen, wie ein Mobilitätsprodukt mit einem Gewicht von 3 Tonnen in 1 Kilometer Höhe installiert werden soll. Und das Gleiche müssen wir viele Male wiederholen – sicher und mit derselben hohen Qualität wie am Boden. Was für eine Herausforderung! Ich liebe es. Davon kann man seinen Kindern mit Stolz erzählen.

Wir blicken einer neuen Ära der Urbanisierung entgehen, in der Städte immer weiter anwachsen. Der Schlüssel zu einer schnellen, sicheren und effizienten Fortbewegung werden Aufzüge sein. Mit MULTI geben wir Architekten ein leistungsstarkes Werkzeug zur Hand, mit dem sie die Gebäudeplanung komplett neu denken können. Urbane Mobilitätskonzepte, die einst unvorstellbar schienen, liegen nun absolut im Bereich des Möglichen.

MULTI

Die Eroberung der Lüfte

URBAN HUB: Wie wird sich Mobilität durch innovative Konzepte wie MULTI in Zukunft entwickeln?

Uwe Winter: Ich bin überzeugt, dass MULTI zunächst Gebäude und anschließend die Mobilität in Städten verändern wird. Wenn sich MULTI erst auf dem Markt etabliert hat, könnte sich der Verkehr wie in Science-Fiction-Filmen in die Luft verlagern. Das bedeutet, dass die Fortbewegung zwischen Gebäuden im 40. Stock oder höher über Skybridges und Air Shuttles sowie im Gebäudeinneren mit MULTI erfolgen könnte. Das klassische Auto genügt den Anforderungen moderner Städte dann unter Umständen nicht mehr. MULTI ist hingegen ein rundum flexibles Verkehrskonzept, das Fahrgäste effizient ans Ziel bringt.

Neue Möglichkeiten bei der Stadtplanung

MULTI ist zweifellos wegweisend und jetzt, da die Markteinführung näher rückt, wird der Aufzug auch neue Spielregeln für die Stadtplanung definieren. Oder wie es Uwe Winter formuliert: „Mit MULTI lässt sich buchstäblich in neue Richtungen denken. Der Vorstellungskraft von Architekten werden fortan viel weniger Grenzen gesetzt – deshalb liebe ich es, an MULTI zu arbeiten!“

Image Credits

MULTI Elevator, video by Tech Insider