Futurist Ben Hammersley über die Megatrends, die Städte und Menschen beeinflussen

Die Mission von Futurist Ben Hammersley besteht darin, die Gegenwart zu erklären – das mag zunächst vielleicht etwas seltsam klingen. Aber als Autor, Journalist, Rundfunksprecher, Referent und Berater erklärt Ben immer wieder, dass die größte Herausforderung für die Gesellschaft, die Geschäftswelt sowie die Städte und deren Bewohner darin besteht, das Heute zu verstehen. 

Damit wir unsere aktuelle Situation richtig einschätzen können, müssen wir zunächst einen Blick auf die tiefgreifenden globalen Veränderungen werfen, die uns kontinuierlich umgeben. In einer zweiteiligen Serie spricht URBAN HUB mit Ben Hammersley über Megatrends und darüber, wie der Kontext der Gegenwart schon jetzt die Zukunft auf den Weg bringt.

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Dynamische Megatrends bringen einschneidende Veränderungen mit sich

Wir können nur schwer begreifen, was genau um uns herum alles vor sich geht. Laut Hammersley ist diese Problematik so tief in unserer Handlungsweise verwurzelt, dass man sie als chronische Krankheit des Menschen bezeichnen könnte. Ein Beispiel aus der Geschäftswelt: „Unternehmen wollen von mir, dass ich sie bezüglich ihrer Zukunft berate. Oft muss ich ihnen aber sagen: Die Zukunft? Sie müssen erst einmal noch einiges an Aufholarbeit leisten, um im 21. Jahrhundert anzukommen!“

Megatrend: exponentiell wachsender, technologischer Wandel

Ein Bereich, den wir in jedem Fall genauer im Auge behalten sollten, ist der wichtige Megatrend des technologischen Wandels. Die massive Digitalisierung und der Siegeszug der internetbasierten Anwendungen hat weltweit weitreichende Auswirkungen auf das Leben der Menschen. Dessen sind wir uns alle bewusst. Viele Aspekte davon wissen wir sogar sehr zu schätzen: unsere E-Book-Reader, unsere Smartphones, unsere Apps und unsere Social-Media-Feeds. 

Aber wir können immer noch nicht verstehen oder abschätzen, welche zugrundeliegenden Dynamiken diese Veränderungen auslösen. Das heißt, all die zuvor genannten Dinge sind nur die Welleneffekte von etwas Größerem: nämlich der Prognose, dass sich die Rechenleistung bei gleichbleibendem Preis alle zwei Jahre verdoppeln wird (Mooresches Gesetz). Hammersley kommentiert: „In der Geschichte der Menschheit kam es nie vor, dass die Leistung unserer Tools sich innerhalb von zwei Jahren verdoppelt hat.“

Dieses Einzelphänomen untergräbt das Fundament von allem, was wir zu glauben wissen. „Der Grund dafür ist einfach, dass wir digitale Technologie nutzen können, um die nächste Generation digitaler Technologie zu entwickeln. Die Basis unserer Kultur beruht auf einer Zeit, zu der es eine solche konstante Verdoppelung der Leistung oder Möglichkeiten nicht gab.“ Mit anderen Worten: Wir befinden uns wahrhaft inmitten einer Revolution, die nicht so schnell enden wird.

„Alle gesellschaftlichen, intellektuellen, medizinischen, kulturellen und wissenschaftlichen Fortschritte in den vergangenen 20 Jahren wurden durch das digitale Netzwerk ermöglicht. Die Menschen haben bereits keine Vorstellung mehr, wie das Leben davor aussah.“

Ben Hammersley

Megatrend: rasend schneller Wandel in der Arbeitswelt

Der tiefgreifende technologische Wandel befeuert einen zweiten Megatrend: die radikale Transformation der Arbeit. „Den Unternehmen und Arbeitnehmern wird bewusst, dass die Arbeitswelt sich mit rasendem Tempo verändert. Es gibt heute Jobs, die vor fünf bis zehn Jahren noch gar nicht existierten und die es möglicherweise in weiteren fünf oder zehn Jahren auch schon gar nicht mehr geben wird.“

Wie sieht dann eine Karriere aus? „Das wird sich ebenfalls ändern. Das Konzept, lebenslang denselben Job auszuüben oder nur eine Karriere zu verfolgen, wird es so nicht mehr geben.“ Und was ist mit der Rente? „Das Renteneintrittsalter von 65 wurde damals auf Basis einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 70 Jahren festgelegt. Mit der steigenden Lebenserwartung weichen die Grenzen und die Definition der Rente zunehmend auf.“

Und ähnlich wie die Digitalisierung sät der Wandel in der Arbeitswelt die Saat für noch mehr Veränderung. Zum Beispiel: „Die Änderung der Auffassung von Arbeit (z. B. was ein Büro ausmacht), der Arbeit selbst und der Tools, die wir verwenden, bringt die Menschen dazu, die sozialen Gepflogenheiten in Unternehmen zu überdenken und auf ihre Sinnhaftigkeit zu prüfen.“ Das Ergebnis? „Die Menschen hinterfragen sämtliche Praktiken – es ist, als befänden sie sich auf einem Förderband, bei dem es keinen Weg mehr zurück zu den alten Vorgehensweisen gibt.“

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In „Training To Fight The Robots“ erklärt Ben Hammersley, inwiefern es für Sie (und Ihr Unternehmen) von Vorteil ist, wenn KI (Künstliche Intelligenz) uns mehr und mehr Entscheidungen abnimmt.

Megatrend: höhere Unbeständigkeit in Bezug auf soziale Rollen

Dies führt jedoch zu einem weiteren Megatrend: „Der einst statische Zustand der Arbeitssituation und der sozialen Rollen wurde vom gesellschaftlichen Kontext der Unbeständigkeit auf dem Arbeitsmarkt abgelöst. Das Ergebnis ist die sogenannte ‚Gig-Economy‘, die die Beziehung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer grundlegend verändert.“

Die Gig-Economy stellt auch den sozialen Stellenwert infrage, der mit einem bestimmten Arbeitsplatz verknüpft wird. Traditionell war der soziale Status eng mit dem Arbeitsplatz und Beruf verbunden. Dies ändert sich nun jedoch, „weil man die Gesellschaft nicht auf Basis von Arbeitsplätzen organisieren kann, wenn die Arbeitsplätze sich kontinuierlich ändern. Wenn Drohnen in der Landwirtschaft eingesetzt werden, sind die Piloten dann Bauern, Ingenieure oder merkwürdige Kapuzenpullover tragende Mitarbeiter eines Dotcom-Unternehmens? Ihr Platz in der Gesellschaft wird immer schwieriger zuzuordnen sein und nicht mehr nur an dem Job festgemacht werden können, den Sie ausüben.“

Das kann natürlich etwas Gutes sein, aber es gibt auch Nachteile. „Für Menschen wie mich ist die Gig-Economy ein Segen, für viele andere aber vielleicht ein Fluch – weil sie ausgenutzt werden. Jedoch kann die Gig-Economy wirklich für jeden zum Vorteil funktionieren – solange die Gesellschaft Sie nicht zwischen den ganzen Gigs untergehen lässt, das heißt, dass Sie nicht Ihre medizinische Versorgung, Ihr Zuhause oder Ihren Lebensunterhalt verlieren.“

Megatrend: unglaubliches urbanes Wachstum

Ein weiterer Megatrend ist die anhaltende Urbanisierung des menschlichen Lebens. Brauchen wir Städte? „Ja, absolut. Die Stadt ist sozusagen die Wiege der Zivilisation und die Wurzel unserer modernen Kultur. Und was wir derzeit beobachten können ist, dass kleinere Städte kontinuierlich wachsen und sich verdichten – es werden immer mehr Megastädte entstehen.“

„Das Vorstadtideal ist in Wirklichkeit die Anomalie – eine Idealvorstellung, die auf die Nachkriegszeit in den 1950er-Jahren zurückgeht. Von der Gartenvilla aus Telearbeit zu betreiben war damals Zukunftsmusik. Doch heute beobachten wir das Gegenteil: Die Menschen zieht es zurück in die Stadt – selbst wenn sie von zu Hause arbeiten. Die Stadtzentren blühen wieder auf, denn die Menschen erkennen, welche gesellschaftlichen Vorteile das Leben im Herzen einer Stadt hat. Es geht nicht darum, in unmittelbarer Nähe des Arbeitsplatzes zu sein, sondern in der Nähe seiner Freunde und der gesellschaftlichen und kulturellen Annehmlichkeiten, die Städte zu bieten haben.“

Die Folge: Dichter besiedelte Städte mit steigender Mischnutzung, was durch die Änderung von Flächennutzungsplänen unterstützt wird. „Städte sind nicht nur zum Arbeiten da. Sie sind eine unausweichliche Entwicklung der menschlichen Zivilisation. Dicht besiedelte Städte – vor allem alte Städte – maximieren alles, was den Menschen tatsächlich noch wichtiger ist: soziale Interaktion, Kulturangebot, Auswahloptionen, Möglichkeiten zur persönlichen Neuerfindung oder auch die Chance auf die große Liebe.“

Zudem übernehmen Städte angesichts ihrer wachsenden Bedeutung immer mehr Verantwortung. Ein Beispiel: „Shanghai hat vor Kurzem entschieden, seinen Umkreis zu begrenzen und damit einer Zersiedelung entgegenzuwirken. Die Stadt soll nicht mehr in die Breite, sondern nur noch in die Höhe wachsen, um für eine höhere Dichte zu sorgen. Städte entwickeln außerdem multimodale Transportnetze, stocken die Infrastruktur für Radfahrer, Fußgänger sowie den öffentlichen Nahverkehr auf und beschränken den Pkw-Verkehr.“

„Brauchen wir Städte? Ja, absolut. Städte sind nicht nur zum Arbeiten da und dienen nicht nur als Profitcenter für Konzerne. Sie sind eine unausweichliche Entwicklung der menschlichen Zivilisation.“

Ben Hammersley

Megatrend: die wachsenden Auswirkungen des Klimawandels

„Städte beziehen auch den Umweltschutz immer mehr in ihre Planungen ein und konzentrieren sich verstärkt auf die Nutzung erneuerbarer Energien und die Implementierung von Initiativen gegen Lichtverschmutzung.“ Und das ist angesichts eines anderen Megatrends auch gut so. Wie Hammersley es formuliert hat: „Der anhaltende Klimawandel und seine Dominoeffekte sind wie der Elefant im Porzellanladen – sie wirken sich auf jeden Aspekt der menschlichen Existenz aus. Außerdem sind – und bleiben sie – die primären treibenden Kräfte hinter dem starken Zuzug in Städte und der Stadtverdichtung.“ 

Die urbane Migration ist teilweise auf die Folgen der steigenden Meeresspiegel zurückzuführen, die sich in ländlichen Küstengebieten bemerkbar machen. Sie hat aber auch damit zu tun, dass „das Leben in dicht besiedelten Städten die einzige Möglichkeit ist, um unseren ökologischen Fußabdruck zu verkleinern – andere Lebensformen sind mit einer viel zu hohen CO2-Belastung verbunden. Wir beobachten beispielsweise einen enormen Anstieg in der Entwicklung erneuerbarer Energien – im letzten Jahr stammte ein großer Teil der erzeugten Energie in Europa aus erneuerbaren Energiequellen, Tendenz stark steigend! Dänemark zum Beispiel plant, im Jahr 2050 Strom nur noch aus erneuerbaren Energiequellen zu erzeugen.“

Der Kampf gegen den Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen, um erfolgreich auf der Welle der Megatrends reiten zu können. „Es gibt manche kulturelle Gruppen, die ihren Kopf in den Sand stecken, wenn es um den Klimawandel geht. Sie haben so viel Angst vor Veränderung, dass sie eine Nostalgie für eine nie dagewesene Vergangenheit entwickeln und dies quasi als Waffe benutzen.“

Im zweiten Teil dieses Interviews verrät Ben Hammersley noch mehr über diese und viele weitere Herausforderungen und gibt hilfreiche Tipps, wie man sie bewältigen kann.

Skizzierung der gegenwärtigen Zukunft – Schritthalten mit den Megatrends

Unsere Ära ist geprägt von hochgradig disruptiven Megatrends des globalen Wandels: dem technologiebasierten Wandel, Veränderungen im Hinblick auf soziale Rollen, einem Umbruch in der Arbeitswelt, dem Klimawandel und der zunehmenden Landflucht.

Ben Hammersleys Arbeit beruht auf der Erkenntnis, dass unser Verständnis dieser Megatrends weiterhin vor allem vom Denken aus dem prä-digitalen Zeitalter im 20. Jahrhundert beeinflusst wird. Dieses Denken hat so heutzutage aber keinen Bestand mehr, und „um im 21. Jahrhundert richtig erfolgreich zu sein, müssen wir innehalten und den wahren Kontext unseres Lebens betrachten.“

Wie können wir am besten unseren Weg zu einer besseren Zukunft finden, während diese Megatrends unsere Welt unentwegt verändern? Das erfahren Sie im zweiten Teil unseres Gesprächs mit Ben auf URBAN HUB.

Ben Hammersley – Kurzprofil

Ben ist ein vielbeschäftigter Mann, der vielerlei Interessen pflegt und viele „Gigs“ wahrnimmt.

  • Geboren 1976 in Leicester (UK)
  • Wohnhaft in Los Angeles, Kalifornien (USA)
  • Bezahlte Gigs
    • Redner – London Speaker Bureau
    • Reporter/Moderator – BBC
    • Redakteur – Magazin „Wired“
    • Wissenschaftlicher Mitarbeiter – European Policy Centre
    • Mitglied des Redaktionsgremiums – Intelligence Squared
    • Fakultätsmitglied – The School of Life (London)
    • Kolumnist – Magazin „BA Business Life“
    • Innovator in Residence – Centre for Creative and Social Technology, Goldsmiths, Universität von London
    • Principal – Hammersley Futures Beratung
  • Ehrenamtliche Gigs
    • Amerikanisches Rotes Kreuz
    • Los Angeles Audubon Society
    • Medical Reserve Corp
  • Weitere Erfolge und Kompetenzen
    • 19 Zertifizierungen (unter anderem als Notfallsanitäter, Feuerwehrmann, Drohnenpilot, Freiwasser-Taucher, Hobby-Radiotechniker)
    • 10 Publikationen (einschließlich „64 Things You Need to Know Now For Then: How to Face the Digital Future Without Fear“)
    • 5 Ehrungen und Auszeichnungen (einschließlich Mitgliedschaften in der Royal Geographical Society und der Royal Society of Arts)
    • 2 Sprachen (Englisch und Italienisch)

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