„Diplomacity“ und die Rolle der Städte in der Globalisierung

Dr. Parag Khanna beim Smart City Expo World Congress

Um einen einzigartigen Einblick in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unserer Städte zu erhalten und zu erfahren, welche Rolle sie im Weltgeschehen spielen, hat URBAN HUB mit dem bekannten Experten Dr. Parag Khanna gesprochen. Dr. Khanna ist ein globaler Stratege, Bestseller-Autor und gefragter Experte in Sachen Urbanisierung, Globalisierung und internationale Beziehungen.

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Städte, die die Welt bewegen

Auf dem Smart City Expo World Congress am 19. November 2014 in Barcelona referierte Dr. Parag Khanna in seiner Keynote „The Future of Globalization“ über die Zukunft der Globalisierung. URBAN HUB hat sich mit ihm zusammengesetzt, um über seinen Vortrag sowie die Zukunft der Städte und die Urbanisierung zu sprechen.

In seiner Rede in Barcelona setzte Dr. Khanna „die Evolution der Städte in ihren historischen Kontext als zentrale Anker und diplomatische Spieler der heutigen Welt“. Er erklärte, dass es seit über 1.000 Jahren die Städte waren, die den internationalen Handel über alle bedeutenden Stufen der Globalisierung hinweg vorangetrieben haben – von den alten Handelsstraßen des Orients bis hin zur vernetzten Welt von heute.

Die fünf Stufen der Globalisierung Die fünf Stufen der Globalisierung
Die fünf Stufen der Globalisierung von 1.000 v. Chr. bis heute

Was ist also mit „Totale Globalisierung“ in der oben abgebildeten Zeitachse gemeint? Man muss zunächst auf die 1980er und 1990er Jahre zurückblicken, als die Welt von den USA dominiert wurde, gefolgt von anderen Mächten wie Europa, China, Indien und Japan – also den Märkten, die am wichtigsten waren.

Heutzutage verfügen wir laut Dr. Khanna jedoch über so ein starkes globales Technologie- und Kommunikationsnetzwerk, dass „jeder Markt wichtig ist“.

Von den unipolaren 1990ern zum geopolitischen Marktplatz von heute

Bedeuten engere Beziehungen das Ende von Kriegen?

Dr. Khanna zufolge investieren Regierungen zwar stark in Rüstung, wenden jedoch noch weitaus höhere Summen für unsere globale Infrastruktur auf, zum Beispiel für den Ausbau der Telekommunikations- und Transportnetze sowie der internationalen Lieferketten. Diese Infrastruktur steht für eine riesige Investition, die die Länder nicht für so etwas Triviales wie Krieg aufs Spiel setzen werden.

Die Staaten werden vielmehr eine Art „Tauziehen“ veranstalten, um mehr Kontrolle über die Lieferkette zu erhalten. Dies könne zwar auch so manch aggressiven Schachzug von Politikern und Unternehmern zur Folge haben, ist jedoch sicherlich eine annehmbare Alternative zu Krieg.

Infrastruktur in allen Nationen Priorität
Dr. Parag Khanna
„Eine Stadt kann in einem gescheiterten Staat erfolgreich sein, aber es gibt kein existenzfähiges Land ohne eine existenzfähige Stadt.“

Dr. Parag Khanna

Managing Partner bei Hybrid Reality

 

 

Nachfolgend ein kurzer Auszug aus seinem Lebenslauf:

  • Managing Partner bei Hybrid Reality Pte Ltd.
  • CEO von Factotum
  • Senior Fellow an der New America Foundation
  • Assistenzprofessor der Lee Kuan Yew School of Public Policy an der National University of Singapore
  • Visiting Fellow am LSE IDEAS
  • Senior Fellow beim European Council on Foreign Relations
  • Senior Fellow am Singapore Institute of International Affairs
  • Co-Autor von „Hybrid Reality: Thriving in the Emerging Human-Technology Civilization“ (2012)
  • Autor von „The Second World: Empires and Influence in the New Global Order“ (2008)
  • Autor von „How to Run the World: Charting a Course to the Next Renaissance“ (2011)

 

Städte übernehmen das Zepter der Supermächte

Aufgrund der wachsenden Bevölkerung und der unglaublichen kulturellen Vielfalt werden die Städte die Globalisierung und die internationale Diplomatie zwischen Städten – bzw. „Diplomacity“, wie Dr. Parag Khanna es nennt – noch stärker vorantreiben.

Dr. Khanna betont, dass wir in unserer zunehmend urbanisierten Welt Staatsoberhäupter benötigen, die wissen, wie man eine Stadt regiert – und momentan finden sich bereits zehn ehemalige Bürgermeister in der Riege der regierenden Staatschefs.

In vielen Bereichen sind die Städte zu „urbanen Archipelen“ zusammengewachsen, sodass die Grenzen der einzelnen Städte nur noch schwer zu erkennen sind. Das wirtschaftliche Gewicht dieser Stadtlandschaften ist enorm – einige von ihnen haben sogar eine größere internationale Bedeutung als viele Staaten. Das chinesische Perlflussdelta wäre Dr. Khanna zufolge beispielsweise ein Mitglied der G20, wenn es ein unabhängiges Land wäre.

China lässt sich in 22 Megastadt-Gebilde aufteilen, wobei jedes von ihnen über eigene Besonderheiten und häufig auch über eigene Gesetzgebungen verfügt. Viele Städte auf der ganzen Welt haben ihre eigenen sogenannten „speziellen Wirtschaftszonen“, deren Gesetze sich bisweilen erheblich von den nationalen Bestimmungen unterscheiden – sie verfügen über ein Maß an Unabhängigkeit, das dem eines Stadtstaates gleichkommt.

Neue globale Machtgebilde: Urbane Archipele Neue globale Machtgebilde: Urbane Archipele
Neue globale Machtgebilde: urbane Archipel

Die intelligente Stadt neu definiert

Voraussetzung für die Nachhaltigkeit dieser ausgesprochen wichtigen Städte sind Dr. Khanna zufolge eine hohe Bevölkerungszahl (mindestens eine Million Einwohner) und wirtschaftliche Vielfalt. Detroit beispielsweise habe sich zu stark auf das produzierende Gewerbe konzentriert und sei hauptsächlich durch die Auslandsverlagerung in die Insolvenz getrieben worden. Die chinesische Stadt Dongguan hingegen konnte sich dank ihrer ausreichend großen Bevölkerung, ihres starken Dienstleistungssektors und staatlicher Unterstützung schnell von der Finanzkrise erholen.
Laut Dr. Khanna sollte die Definition einer intelligenten Stadt überarbeitet werden. Er glaubt, dass eine intelligente Stadt eine Mindestbevölkerungszahl erreichen und sich wirtschaftlich diversifizieren sollte. Werden diese Anforderungen nicht erfüllt, kann keine langfristige Nachhaltigkeit erzielt werden. Und das ist nicht intelligent.

Sehen Sie sich den Vortrag von Dr. Khanna beim Smart City Expo World Congress in Barcelona an, in dem er über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Globalisierung referiert und erklärt, warum Städte seit jeher Wegbereiter für eine vernetzte Welt waren.

Keynote-Präsentation beim Smart City Expo World Congress 2014

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Dr. Parag Khanna über Urbanisierung und intelligente Städte

Das Gespräch mit einem anerkannten Experten bot die perfekte Gelegenheit, um etwas tiefer in das Thema Urbanisierung einzutauchen. Lesen Sie einige der interessantesten Auszüge aus dem Interview von URBAN HUB mit Dr. Parag Khanna:

URBAN HUB (UH): Welche Entwicklungen in Bezug auf die urbane Mobilität erwarten Sie in den nächsten zehn bis 15 Jahren in modernen Städten?

Parag Khanna (PK): „Mobilität ist ein entscheidender Punkt. Die Diskussion über intelligente Mobilität, die unter anderem durch Bus-Rapid-Transit-Systeme, Mitfahrzentralen oder die Innenstadtmaut angestoßen wurde, mündete schnell in die Entwicklung von Carsharing-Projekten mit autonomen Fahrzeugen und anderen Arten von hochtechnisierten, emissionsfreien Elektroautos sowie multimodalen Transportsystemen für die „letzte Meile“.

Alle diese Entwicklungen sind offensichtlich sehr fortschrittlich, und Städte wie Paris oder Berlin – die beim Testen dieser Technologien an vorderster Front stehen – verdienen großes Lob. Schließlich setzen Initiativen wie diese sehr hohe Kapitalinvestitionen voraus, um den Aufbau der Infrastruktur für intelligente und effiziente multimodale Transportoptionen zu ermöglichen.

In der finnischen Hauptstadt Helsinki beispielsweise kaufen junge Menschen keine Autos mehr, da das öffentliche Verkehrsnetz sehr gut ausgebaut ist, und in einem Stadtbezirk in Singapur wird das „Google Driverless Car“ getestet. Es gibt also zahlreiche Zukunftsprojekte im Bereich der urbanen Mobilität, die wirklich lobenswert sind. In zehn bis 15 Jahren könnte es in einigen Städten außerordentlich fortschrittliche Systeme für Carsharing und autonomes Fahren im öffentlichen Verkehr geben.“

UH: Welchen Rat würden Sie künftigen Stadtplanern, Ingenieuren und Architekten geben?

PK: „Das Wichtigste ist, dafür zu sorgen, dass der Einzelne einen höchstmöglichen Grad an Autonomie und Selbstbestimmung erhält. In einigen Städten habe ich schon viel zu oft erlebt, dass der Zugang zu wichtigen öffentlichen Plätzen für Fußgänger eingeschränkt ist und es für sie bisweilen nahezu unmöglich ist, stark befahrene Straßen zu überqueren. Selbst bei den jüngsten Entwicklungsplänen einiger Städte wurden die Bedürfnisse der Normalbürger nur unzureichend berücksichtigt.

Es sollte in jedem Fall darauf geachtet werden, ausreichend öffentlichen Raum zu schaffen. Durch die Ergänzung mit Cafés, kostenlosem WLAN usw. ist diese öffentliche Fläche keine reine Platzverschwendung mehr – sie entwickelt sich zu einem unternehmerischen Raum. Und diesen Prozess konnten wir bereits in New York, Berlin und vielen anderen Städten beobachten. Ich denke, dass sich individuelle Vorteile ergeben, wenn man Raum für Kreativität lässt – ein Umstand, der bei der Stadtentwicklung unbedingt berücksichtigt werden sollte.“

UH: Wie wird Ihrer Meinung nach die Zukunft unserer Stadtzentren aussehen?

PK: „Viele Menschen haben futuristische Vorstellungen von hochtechnisierten, hocheffizienten und attraktiven Stadtgebieten. Diesem Ziel können wir jedoch nur Schritt für Schritt näherkommen. Selbst die neuesten und modernsten „Smart Cities“ auf grüner Wiese, wie Songdo in Südkorea, sind nicht wirklich futuristisch, sondern einfach nur neu. Neu und futuristisch sind zwei grundverschiedene Dinge. In Songdo findet sich nur wenig Futuristisches, und das ist in Ordnung. Ich hätte nichts Futuristisches erwartet. Aber ich glaube, die Menschen kreieren diese Vorstellungen, auch wenn das eigentlich gar nicht notwendig ist. Schließlich ist Funktionalität weitaus wichtiger als futuristische Elemente.

In meiner Vision für die Stadt der Zukunft sehe ich einen Ort, der sich vor allem durch seine Widerstandskraft gegenüber Naturkatastrophen auszeichnet, um das Leben und berufliche Umfeld der Einwohner zu schützen. Ich stelle mir einen Ort vor, an dem die Menschen zuverlässig mit Transportmitteln, sauberem Wasser, Energie usw. versorgt werden und an dem ausreichend öffentliche Räume zur Verfügung stehen. Es würde dort keine übermäßige Gentrifizierung und Stratifizierung stattfinden, jedoch würde die wirtschaftliche Vielfalt eine große Rolle spielen. All dies sind sehr wichtige Faktoren für eine hohe Lebensqualität in den Städten der Zukunft.“

UH: Wie können Städte junge Talente anziehen und fördern?

PK: „Die Antwort hängt vor allem von der demografischen Struktur der Stadt ab. Einige Städte haben angefangen, in der Innenstadt kleinere und günstigere Wohnungen für junge und ledige Berufseinsteiger anzubieten, damit diese alleine leben und arbeiten können und finanziell unabhängig werden. Und natürlich gibt es auch noch die Generation der Finanzkrise, die stark von Arbeitslosigkeit betroffen ist und häufig noch zu Hause bei den Eltern wohnt. Daher haben einige Städte die Wohnräume in ihren Zentren neu gestaltet, damit die jungen Erwachsenen es sich leisten können, dort zu leben.

Wenn man alleinstehende junge Erwachsene in sehr kleinen, günstigen Wohnungen unterbringt, verbringen sie viel mehr Zeit außerhalb ihrer vier Wände. Sie halten sich länger an ihrem Arbeitsplatz, an öffentlichen Orten und in Restaurants auf, da ihre Wohnungen einfach zu beengt sind. Und das ist genau so beabsichtigt.

Diese Kommunen haben ihre Gesetze zugunsten der ledigen jungen Erwachsenen an die sozioökonomischen und demografischen Gegebenheiten angepasst, denn sie möchten verhindern, dass diese für immer als Außenseiter am Stadtrand leben. Es müssen also die Voraussetzungen für einen Wandel geschaffen werden, und das erfordert eine rasche Änderung der Gesetzgebung. Ich glaube, dies lässt sich auch in einigen anderen Städten beobachten. Man muss mit der Zeit gehen, wenn man dynamisch bleiben möchte. Und das wird vom Weitblick der politischen Entscheidungsträger abhängen.“

UH: Welche Auswirkungen haben Globalisierung und „Diplomacity“ auf unsere demokratischen Prozesse?

PK: „In Bezug auf die Demokratie glaube ich, dass Städte ganz offensichtlich ein großes Potenzial für starke demokratische Aktivitäten bieten. Ich denke, das passt sehr gut zusammen.

Durch den Einsatz von Technologien bildet sich eine Form der Demokratie, die eher einer digitalen Echtzeit-Konsultation als einer Wahldemokratie entspricht. Intelligente Städte nutzen u. a. Sensoren, Umfragen, das Internet der Dinge, Twitter-Feeds und das, was wir als „Stimmungsbarometer“ bezeichnen. Auf diese Weise müssen sie nicht erst bis zu den nächsten Wahlen warten, um zu erfahren, was die Stadtbewohner sich wünschen.

Theoretisch könnte man sich immer an die Wünsche der Menschen anpassen, und das ist meiner Meinung nach von Natur aus demokratisch. Eine Demokratie bedeutet, den Willen des Volkes widerzuspiegeln, nicht, alle vier Jahre eine Wahl zu veranstalten, bei der die Bürger indirekt einen Kandidaten wählen, der behauptet, den Willen des Volkes zu repräsentieren. Das hat mit der klassischen Definition von Demokratie nicht viel zu tun. In meinen Augen spiegelt eine Demokratie den Willen des Volkes wider, und zwar so effizient wie möglich. Daher glaube ich, dass Städte ein Ort sind, an dem diese Art von Demokratie plausibel ist.“

Bildquellen

Stage image no. 1 courtesy of Parag Khanna
Images no. 2-5: idea / content by Parag Khanna, design by URBAN HUB
Image no. 6 courtesy of Parag Khanna
Image no. 7: idea / content by Parag Khanna, design by URBAN HUB

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