Meike Niedbal, Expertin bei der Deutschen Bahn, über Mobilität und Lebensqualität

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Smart Mobility

Dr. Meike Niedbal ist Expertin und Strategin für die Zukunft des Verkehrs. Sie arbeitet für die Deutsche Bahn, die führende Bahngesellschaft in Deutschland und das zweitgrößte Transportunternehmen der Welt. Auf der Monocle Quality of Life Conference 2017 in Berlin kommt sie in der Podiumsdiskussion „Seamless Moves – Future of Transport“ zu Wort.

In einem exklusiven Interview mit URBAN HUB erklärt sie, wie Mobilität in Städten sich auf die Lebensqualität aller Bevölkerungsgruppen auswirkt – einschließlich Kinder und ältere Personen. Sie gibt einen Überblick über die wichtigsten globalen Mobilitätstrends und nennt einige Herausforderungen, mit denen wir in Zukunft konfrontiert werden.

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Leben in Bewegung

Meike Niedbal beschreibt sich nicht nur als jemanden, der gern neue Projekte in Angriff nimmt, sondern auch als Kämpfernatur mit dem nötigen Ehrgeiz und der Entschlossenheit, um Ideen in die Tat umzusetzen. Sie hat an der Humboldt-Universität zu Berlin Betriebswirtschaftslehre studiert und während eines Studentenpraktikums ihre Berufung in der Logistik- und Mobilitätsbranche gefunden.

Meike Niedbal war schon immer ein Fan von Personenverkehr und hat ein leidenschaftliches Interesse daran, dass Mobilität allen Bevölkerungsgruppen zugutekommt. Ihres Wissens sind öffentliche Transportmittel für bestimmte Menschen nicht immer bequem nutzbar, und sie ist der Meinung, dass der öffentliche Nahverkehr sich auch an Personen richten sollte, die nicht jung, alleinstehend und mobil sind. Sie erklärt: „Öffentliche Verkehrsmittel sollten auch für Menschen in späteren Lebensabschnitten geeignet sein und es Familien mit Kindern oder älteren Personen erleichtern, auf das Auto zu verzichten.“

Auf der Monocle Quality of Life Conference 2017 in Berlin spricht sie über diese und andere Themen. (Am Ende des Artikels finden Sie weitere Informationen.)

„Die Vielfalt an Mobilitätslösungen ist noch lange nicht erschöpft. Seit 2009, als ich anfing, für die Deutsche Bahn zu arbeiten, hat sich die Situation enorm verändert. Und diese schnelle Entwicklung wird weiter an Fahrt aufnehmen.“

Dr. Meike Niedbal,

Konzernstrategie – Leiterin Nachhaltigkeitsmanagement und Zukunftsforschung bei der Deutsche Bahn AG

Zukunftstrends, die Dr. Meike Niedbal im Blick hat

Neben ihrer aktuellen Tätigkeit im Bereich Geschäftsentwicklung verfügt Niedbal auch über fundiertes Wissen über „Corporate Foresight“, also die Analyse langfristiger Branchentrends und internationaler Technologieentwicklungen. URBAN HUB hat sie nach den Trends gefragt, die sie derzeit im Auge behält.

Individualisierter öffentlicher Nahverkehr dank Digitalisierung

Niedbal erklärt, wie bessere Konnektivität die Mobilität optimieren kann: „In der Vergangenheit war es sehr mühsam von einem Transportmittel auf ein anderes umzusteigen. Man kannte die Abfahrtszeiten nicht; die Netze waren nicht aufeinander abgestimmt; man wusste nicht, was die nächste Fahrkarte kostete oder wo man sie kaufen konnte. In diesen Situationen habe ich einfach aufgegeben und das Auto genommen. Aber die Digitalisierung erleichtert solche Verbindungen heute enorm.“

Die nahe Zukunft wird uns „digitale Assistenten“ bringen, die Nutzern dabei helfen, ihre Reisen gemäß ihren individuellen Bedürfnissen zu planen. Mithilfe dieses digitalen Assistenten können auch zukünftige Reisen anhand von Nutzerfeedback über die Zufriedenheit mit einzelnen Reiseabschnitten an persönliche Vorlieben und bisherige Erfahrungen angepasst werden.

Nicht autofrei, aber weniger Autobesitzer

Niedbal: „Ich denke nicht, dass unsere Zukunft vollkommen autofrei sein wird, aber wahrscheinlich werden wir erleben, dass nicht jeder sein eigenes Auto besitzen muss. Die meisten Autos stehen den Großteil des Tages ungenutzt herum. Dennoch gibt es viele Szenarien, in denen ein gemeinsam genutztes Auto praktisch ist. Ich würde sie also nicht komplett abschaffen. Alternative, nachhaltigere Verkehrsmittel müssen so attraktiv sein, dass immer mehr Leute sich dafür entscheiden, auf ihre Autos zu verzichten.“

Mobilität leicht gemacht – sogar für ältere Menschen

Heute haben die meisten Personen über 50 oder 60 Jahren ein Smartphone, und auch die Reiseplanung wird leichter für sie: „Man muss nicht technisch versiert sein. Ein digitaler Assistent vereinfacht die Planungs- und Zahlungsprozesse. Statt zahlreicher verschiedener Apps ist nur noch eine einzige nötig, um von A nach B zu gelangen. Diese digitalen Assistenten müssen so gestaltet sein, dass auch die ältere Generation sie nutzen kann.“

Fahrräder und Leihfahrräder

Fahrräder sind auf dem Vormarsch, sowohl als Lösung für die letzte Meile als auch als netzunabhängiges Transportmittel. Pedelecs unterstützen Radfahrer beispielsweise mit einem kleinen integrierten Elektromotor auf steilen Hügeln oder bei Gegenwind. Das sind erfreuliche Neuigkeiten für viele ältere Nutzer, die so länger mobil bleiben können.

Bikesharing – ob organisiert oder privat – ist ein weiterer Trend im Bereich Mobilität. In China boomt dieses Modell. Dort sind Rückgabestationen oft so überfüllt, dass die Fahrräder bis auf die Straße überquellen. In Europa ist Kopenhagen das große Vorbild: Dort sind auf den Straßen mehr Fahrräder als Autos unterwegs.

Die „letzte Meile“ überbrücken

Die „letzte Meile“ beschreibt die Entfernung zwischen der Haustür eines Pendlers und dem nächsten Zugangspunkt zum öffentlichen Nahverkehr. In diesem Zusammenhang ist auch der Begriff „individualisierter Personenverkehr“ entstanden. Dieses Konzept schließt die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr mit privaten Transportmitteln wie dem Auto oder Fahrrad mit ein.

Niedbal: „Derzeit wird an einer Vielzahl von interessanten neuen Lösungen gearbeitet, um die letzte Meile zu überbrücken. Rufbusse stellen zum Beispiel eine Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz dar und kommen ohne feste Fahrpläne oder Haltestellen aus. Es ist wichtig, diese letzte Meile für ältere Generationen, die mehr auf das Auto angewiesen sind, so bequem, unkompliziert und erschwinglich wie möglich zu gestalten.“

Künftige Herausforderungen für mehr Lebensqualität durch Mobilität

Vertrauen bei den Nutzern

Niedbal: „Für neue Mobilitätslösungen wie autonomes Fahren ist es wichtig, das Vertrauen der Nutzer zu gewinnen. Die Menschen müssen sich mit der Lösung sicher fühlen. Besonders ältere Nutzer möchten einen Ansprechpartner, an den sie sich wenden können, wenn eine digitale Lösung nicht wie erwartet funktioniert.“

Auto-unabhängige Senioren

Niedbal: „Es wird auch eine Herausforderung sein, die Generation über 60 davon zu überzeugen, dass Autos eine weniger attraktive Lösung sind – besonders in den Städten. Sehr gute Argumente und alternative Lösungen sind erforderlich, damit sie auf nachhaltigere Transportmittel umsteigen.“

Infrastruktur modernisieren

Niedbal: „Städte, in denen die Urbanisierung schnell voranschreitet, müssen in den nächsten 20 bis 30 Jahren ein Verkehrsnetz aufbauen, das den öffentlichen Nahverkehr mit einschließt – auch wenn dieser in vielen wachsenden Städten bisher nicht vorhanden ist. Mit geeigneten Lösungen wie Investitionen in den Ausbau des öffentlichen Personenverkehrs kann die Anzahl der Autos auf den vollen Straßen reduziert werden.“

Fahrerlose Autos

Niedbal: „Autonomes Fahren könnte so angenehm werden, dass jeder ein Auto möchte. Dadurch würden natürlich noch mehr Autos auf den Straßen unterwegs sein und die Städte weiter verstopfen. Es wäre schade, wenn eine Erhöhung der Anzahl umweltfreundlicher Elektroautos zusätzliche Staus und einen enormen Anstieg des Stromverbrauchs zur Folge hätte.“

2017 Monocle Quality of Life Conference in Berlin

In Städten ist es deutlich spürbar, dass eine gute Infrastruktur den Zugang zu Arbeit, Unterhaltung und Selbstverwirklichung erleichtert. Bei ihrer Podiumsdiskussion „Seamless Moves – Future of Transport“ spricht Meike Niedbal mit dem Roller-Sharing-Unternehmer Magnus Schmidt (Scoo mobility) und dem dänischen Architekten Dan Stubbergaard (COBE) darüber, in welchen Städten Mobilität funktioniert und was nötig ist, damit sie jungen und älteren Generationen zugutekommt.

Die Monocle Quality of Life Conference findet vom 29. Juni bis zum 1. Juli 2017 im Römischen Hof in Berlin statt. Drei Tage lang verwandelt sich die deutsche Hauptstadt in einen internationalen Thinktank für Unternehmer, Architekten, Urbanisierungsprofis, Mobilitätsexperten, Ladenbesitzer, Mediengurus, Grundstücksentwickler – und sogar Köche.

Berlin: Ohne Mauer und ohne Krieg – aber mit hoher Lebensqualität Berlin: Ohne Mauer und ohne Krieg – aber mit hoher Lebensqualität
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