Wächter der Wolkenkratzer: der Council on Tall Buildings and Urban Habitat

Der Blick von einem Hochhaus hinab

Menschen blicken mit großer Faszination an hohen Gebäuden empor oder von ihnen herab – Wolkenkratzer haben einfach etwas Magisches. Doch von einer Organisation werden sie noch fester im Auge behalten als von Touristen:

Der Council on Tall Buildings and Urban Habitat (CTBUH) veröffentlicht regelmäßig Statistiken und Berichte über die höchsten Wolkenkratzer der Welt. Die Datenbank der Organisation ist eine Fundgrube für Architekten und Bauherren, die sich der vertikalen Urbanisierung verschrieben haben.

Daniel Safarik, CTBUH Journal Editor und neu ernannter China Office Director des CTBUH, stellt uns seine Organisation vor und erklärt uns die Geschichte, den gegenwärtigen Stand und die Zukunft von Hochhäusern sowie ihre Rolle bei der Urbanisierung. 

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Die Wurzeln des CTBUH

Der Council on Tall Buildings and Urban Habitat wurde 1969 ausgerechnet im Städtchen Bethlehem, Pennsylvania, gegründet. Lynn S. Beedle, Structural Engineering Professor an der Lehigh University, wusste, dass in akademischen Kreisen bedeutende Forschungsarbeiten vor sich gingen. Gleichzeitig beobachtete er im Zuge der Errichtung des World Trade Centers, des Sears Towers und des John Hancock Centers einen Trend hin zu immer höheren Gebäuden, bei denen neuartige Stahlbautechniken zum Einsatz kamen.

Beedle erkannte die Notwendigkeit einer Plattform für Statiker und Wissenschaftler, auf der eine Wissensdatenbank angelegt werden konnte. Mittlerweile beteiligen sich unzählige Berufsgruppen aus aller Welt am CTBUH, was einen ganzheitlichen und interdisziplinären Ansatz für das Studium von Hochhäusern und urbanen Lebensräumen ermöglicht.

Heute konzentriert sich der Council darauf, seinen Wissensstand zu Hochhäusern zu erweitern und ihre Beziehung zur städtischen Umwelt zu erforschen. Damit ist der CTBUH für alle Fachkreise eine unentbehrliche Ressource.

Der Herausgeber im Profil

Daniel Safarik ist Herausgeber des CTBUH Journal. Er wuchs in der Nähe von Chicago auf, wo er zahlreiche Hochhäuser zu sehen bekam, wie den Willis Tower, der früher Sears Tower hieß und von 1973 bis 1998 das größte Gebäude der Welt war. Safariks Großvater war als Elektriker an der Erbauung des Sears Towers beteiligt. Als Kind war Daniel Safarik zutiefst beeindruckt von einem Bild seines Großvaters, das ihn auf dem 101. Stockwerk stehend zeigte, während hinter ihm nichts als Luft war und die Stadt rund 400 Meter unter ihm lag.

Mit seinem professionellen Hintergrund als Journalist und Architekt ist Daniel Safariks geradezu prädestiniert für seine Tätigkeit im CTBUH. Seine Aufgabe besteht im Verfassen und Aufbereiten von Pressemitteilungen, Büchern und Forschungsprojekten sowie technischen Publikationen und allgemeinen Statistiken. Und als ob es nicht genug wäre, den ganzen Tag über Architektur zu schreiben, betreibt er auch seinen eigenen Blog mit dem Titel “Unfrozen“.

Nach seinem Lieblingsgebäude aller Zeiten gefragt, offenbarte Safarik sowohl seine romantische als auch seine praktische Seite: „Das Chrysler Building wird immer den Schönheitswettbewerb gewinnen – nichts verkörpert die goldenen Zwanziger und die amerikanische Erfindungsgabe so wie dieses Gebäude.“ Doch der gebürtige Chicagoer kann seine Wurzeln nicht verleugnen: „Das John Hancock Center und der Sears Tower in Chicago haben meine persönliche Entwicklung am stärksten beeinflusst.“

Daniel Safarik

Wie Häuser in die Höhe wuchsen

Die Höhe der heutigen Wolkenkratzer ist geschichtlich bedingt. Anhand des Beispiels von Mehrzweckgebäuden erklärt Safarik, wie die aktuellen Entwicklungen durch Innovationen aus der Vergangenheit ermöglicht wurden.

„Die immer häufiger anzutreffenden gemischt genutzten Gebäude verdanken ihre Existenz und ihre potenzielle Schönheit vor allem zwei architektonischen Errungenschaften: Outriggern und Megarahmen.“ Wolkenkratzer erfordern nicht nur eine sehr stabile Bauweise, die übermäßiges Schwanken bei starkem Wind und Erdbeben verhindert, sondern sie benötigen auch ausreichend Flexibilität, um sich an verschiedene Erfordernisse anzupassen, die sich im Laufe der Zeit ändern können.

Outrigger sind der Schlüssel zu dieser Flexibilität. Wolkenkratzer benötigen einen extrem stabilen und starken Kern. Outrigger – steife Rahmensysteme, die aus dem Kern herausragen – werden etwa alle 10 oder 20 Stockwerke wie Kragarme eingesetzt und bieten dadurch zusätzliche Seitenfestigkeit. Manche Geschosse des Gebäudes „hängen“ sozusagen am über ihnen befindlichen Outrigger und ermöglichen somit Räume ohne störende, starre Bauelemente wie Säulen.

Schematische Darstellung mit Outriggern Schematische Darstellung mit Outriggern
Schematische Darstellung eines Gebäudes mit Outriggern

Megarahmen hingegen sorgen für zusätzliche Stabilität von außen, indem sie die Fassade verstärken. Sie bilden das Außenskelett eines Gebäudes und sind besonders wichtig für kreative, verwinkelte und geschwungene Formen. Outrigger und Megarahmen sind nur zwei von zahlreichen Entwicklungen, die einige der flexibelsten und prächtigsten Gebäude der Welt hervorbrachten.

„Es wird eher mehr horizontale Verbindungen geben, als dass jede Stadt Gebäude von einem Kilometer Höhe haben wird.“

Daniel Safarik

Director, China Office, Editor, CTBUH Journal, Council on Tall Buildings and Urban Habitat

Zukunftsszenario: Städte im Himmel?

Eines ist gewiss: In Zukunft wird die Bevölkerungsdichte in Städten zunehmen. Unklar ist jedoch, wie die Städte mit dieser Verdichtung umgehen werden. Obwohl Science-Fiction-Klassiker wie Metropolis und Blade Runner spannende Visionen von futuristischen Städten aufzeigen, tun wir wohl besser daran, einen Experten in Sachen Wolkenkratzer und Urbanisierung wie Daniel Safarik zu Wort kommen zu lassen.

Laut Safarik wird die zunehmende Urbanisierung nicht zu einer großen Anzahl spektakulär hoher Gebäude führen, sondern eher zu mehr und mehr 20- bis 50-geschossigen Gebäuden, in denen die Bewohner zusätzliche Verbindungsgänge in größerer Höhe benötigen werden. Um das Leben auf den höher gelegenen Etagen attraktiver zu gestalten, müssen alle auf Straßenebene verfügbaren Einrichtungen und Annehmlichkeiten nach oben verlegt werden. Durch sogenannte Skybridges werden mehr Verbindungen zwischen verschiedenen Gebäuden geschaffen, wodurch die Attraktivität eines Gebäudes durch die Qualitäten seiner Nachbargebäude gesteigert werden kann.

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Wandel in der Fortbewegung

Sowohl in Hinblick auf die Raumausnutzung und den Energieverbrauch ist die Weltbevölkerung bereits so groß, dass nicht mehr jede Familie auf der Erde einen großen Garten mit einem weißen Lattenzaun und einem Golden Retriever besitzen kann. Daher ist die Beschäftigung der Menschen mit dem vertikalen Raum nicht nur eine Modeerscheinung, sondern eine Notwendigkeit.

Durch vermehrte Verbindungsgänge zwischen den Gebäuden wird mit Sicherheit ein engmaschigeres Transportsystem entstehen. Safarik kam zu dem prägnanten Schluss: „Die vertikale und horizontale Fortbewegung muss zu einer Einheit verschmelzen.“

Die gesellschaftlichen Anforderungen an die Fortbewegung werden steigen, da immer mehr Menschen in Städten leben werden und sich von Gebäude zu Gebäude, von der U-Bahn zum Einkaufszentrum und von zu Hause ins Büro bewegen möchten. Die Nutzung von Multikabinenaufzugkonzepten wie dem MULTI-System, das auch eine horizontale Beförderung ermöglicht, ist dabei ein wichtiger Schritt in diese Richtung.

Wolkenkratzer und Umwelt

Safarik befürwortet auch einen aktuellen Trend, der die logistische Notwendigkeit der vertikalen Besiedlung mit dem menschlichen Grundbedürfnis nach Natur in Einklang bringt: begrünte Wände. Die Geschichte grüner Wände reicht in die frühen 1990er-Jahre zurück, als der Ökologe und Architekt Ken Yeang vorführte, wie ein Gebäude mehr Platz für Pflanzen bieten kann als das Grundstück, auf dem es steht.

Begrünte Wände können als Gärten im Inneren von Gebäuden errichtet werden und so die Innenräume attraktiver gestalten. Der Shanghai Tower, der Mitte 2015 fertiggestellt werden soll, wird über mehrere solcher „Sky Gardens“ verfügen, die als offene Innenhöfe mit Restaurants, Cafés und Läden angelegt sind.

Im November 2014 zeichnete CTBUH den Wolkenkratzer „One Central Park“ in Sydney als „Best Tall Building Worldwide“ des Jahres 2014 aus. Seine begrünte Gebäudefassade erinnert an ein altes, mit Weinreben überwachsenes Universitätsgebäude. Nicht zuletzt spielen die Pflanzen auch eine wesentliche Rolle bei der Beschattung des Hochhauses.

One Central Park, Sydney One Central Park, Sydney
Smart Building "One Central Park" in Sydney

Wissensfundus

Der CTBUH sieht seine Mission darin, „fachübergreifende Informationen über Hochhäuser und nachhaltige urbane Lebensräume zu verbreiten, die internationale Kommunikation zwischen Fachleuten, die mit der Gestaltung der bebauten Umwelt zu tun haben, zu fördern und Fachkräften den aktuellsten Wissensstand in nützlicher Form zur Verfügung zu stellen.“

Die auf der Skyscraper Center-Website des CTBUH bereitgestellten Informationen sind selbst für Laien faszinierend. Außerdem ist dies eine weit einfachere Methode, Hochhäuser zu studieren, als die, die Daniel Safarik als Kind gewählt hatte: „Als ich klein war, kletterte ich immer auf die Mülldeponie meines Heimatorts, um einen Blick auf die Skyline von Chicago zu erhaschen.“

New York Chrysler Building:
Image 1: Photograph “New York Chrysler Building” by Flickr User Jacob Bøtter, CC BY 2.0

John Hancock Building:
Image 2: Photograph “John Hancock Building” by Flickr User Kyle Monahan, CC BY 2.0

Sears Tower:
Image 3: Photograph “Sears Tower” by Flickr User Allan Henderson, CC by ND 2.0

Sears Tower:
Image 4: Photograph “Sears Tower” by Flickr User Neal Jennings, CC BY-SA 2.0

Shanghai Tower:
Image 5: Photograph “Shanghai Tower” by Flickr User ronghualu, CC BY-ND 2.0

One Central Park Sydney:
Image 6: Photograph “One Central Park Sydney” by Flickr User Rob Deutscher, CC BY 2.0, Design architect: Ateliers Jean Nouvel. Collaborating architect: PTW Architects

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