Ein neuer Trend in der Architektur: Wolkenkratzer mit einem besonderen Dreh

Nach der Definition des in Chicago ansässigen Council on Tall Buildings and Urban Habitat (CTBUH) ist ein „verdrehtes Hochhaus“ höher als 90 Meter und weist „mit zunehmender Höhe verdrehte Grundrisse oder Fassaden“ auf. Rund 30 solcher Gebäude akzentuieren derzeit – oder in Kürze – verschiedene urbane Skylines weltweit.

URBAN HUB nimmt einige dieser Gebäude näher unter die Lupe und forscht nach den Gründen für diesen immer beliebteren Hochhaustrend im urbanen Umfeld.

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Von Malmö bis Shanghai

Der erste verdrehte Turm war der Drehende Torso, der 2005 in Malmö, Schweden, errichtet wurde. Pate für den preisgekrönten, 190 Meter hohen Wohnturm des Architekten Santiago Calatrava stand der menschliche Körper in Bewegung. Das Hochhaus besteht aus neun Kuben mit jeweils fünf Stockwerken, die sich gegenüber der Grundfläche um insgesamt 90 Grad drehen. Von seinem am Wasser gelegenen Standort aus ist das Gebäude bis nach Kopenhagen sichtbar.

Der größte verdrehte Turm – und zugleich das zweithöchste Gebäude der Welt – ist der Shanghai Tower. Er erreicht eine Höhe von eindrucksvollen 632 Metern – 31 Meter mehr als der Mecca Clock Tower –, und um seine einzigartigen Kurven zu erschaffen, setzte das Architekturbüro Gensler Windkanaltests ein. Das gemischt genutzte Gebäude überrascht mit begrünten Atrien im Innenraum, die von traditionellen Innenhöfen inspiriert wurden, während großzügige Plazas die Gebäudenutzer zur sozialen Interaktion einladen.

Der Diamond Tower in Jeddah wird bei seiner für 2019 geplanten Fertigstellung jedoch der erste Turm sein, der mit zunehmender Höhe eine 360-Grad-Drehung vollzieht. Der 432 Meter hohe, vor allem als Wohnturm geplante Wolkenkratzer bietet einen ungehinderten Ausblick auf das Rote Meer, nicht zuletzt auch von der sich drehenden Restaurant-Etage im obersten Geschoss. Eine ehrenvolle Erwähnung unter den verdrehten Gebäuden verdient auch der einzigartige 236,4 Meter hohe F&F Tower – ein helixförmiges Wahrzeichen, das Panama City seit 2011 schmückt.

„Der Drehende Torso hatte unzweifelhaft einen enormen Einfluss auf die Entwicklung des Hochhausdesigns der letzten zehn Jahre, insbesondere was das geometrische 3D-Design betrifft. Das ungewöhnliche, atemberaubende und inspirierende Kultgebäude hat einen weitreichenden Einfluss in unserer Branche und inspiriert Architekten weltweit.“

Vincent Tse, CTBUH Trustee

Inspiration für weitere innovative Wendungen

Ole Scheeren ist wieder da. Nachdem er 2015 für sein „Interlace”-Gebäude in Singapur ausgezeichnet wurde, schloss er Ende 2016 den Bau des 314 Meter hohen MahaNakhon in Bangkok ab. Das Gebäude ist zwar genau genommen nicht verdreht, wurde aber ganz offensichtlich von diesem Trend inspiriert.

Der gemischt genutzte MahaNakhon fügt der Skyline von Bangkok ein dramatisches Element hinzu. Und das liegt nicht nur daran, dass er das größte Gebäude der Stadt ist. Ein dreidimensionales „Pixel“-Band windet sich um den gesamten Turm, bietet einen Blick in das Innenleben des Gebäudes und erweckt den Eindruck einer Drehung. Der MahaNakhon ist ein weiteres Beispiel dafür, wie ein neuer Designtrend die Konstruktion hoher Gebäude beeinflusst.

Der Trend begann in Malmö, Schweden, mit dem Drehenden Torso.

Neue Technologien ermöglichen neues Denken

Unrealisierbar teuer oder physikalisch unmöglich – das galt bis vor Kurzem. Dank der Weiterentwicklung von Materialien, der Ingenieurskunst und von Architektursoftware sind verdrehte Hochhäuser heute jedoch möglich geworden. Auch das Denken hat sich geändert, und Architekten und Bauherren suchen nach neuen Wegen, um einzigartige Gebäude zu entwerfen.

Die herkömmlichen rechteckigen Wolkenkratzer aus Glas und Stahl gehören vielleicht noch nicht ganz der Vergangenheit an, doch sie sind nicht mehr alternativlos. Software ist der Schlüssel. Dank höherer Rechnerleistung konnten neue hochmoderne Designsoftwareprogramme entwickelt werden. Architekten schreiben heute eigene Codes und können die Software so an ihre individuellen Visionen anpassen.

Dank dieser neuen Designmöglichkeiten ist das „Endergebnis“ inzwischen nicht mehr von standardisierten Konstruktionskomponenten abhängig. Neue Techniken wie beispielsweise der 3D-Druck und die Herstellung von Modulen senken die Produktionskosten und machen individuelle Stückzahlen wirtschaftlich machbar. Neue Materialien wie Verbundbeton sorgen für mehr Stärke, ohne das Gewicht zu erhöhen, und dank der Fortschritte in der Bautechnik können die immensen Torsionskräfte, die bei einem verdrehten Turm wirken, aufgefangen werden.

Natürlich ist nicht alles, was möglich ist, zugleich auch wünschenswert. In diesem Fall jedoch fließen das Streben nach Aufmerksamkeit und Bewunderung der Architekten und Bauherren zusammen. Verdrehte Hochhäuser sind vor allem ein Blickfang und sorgen für einen neuen „Dreh“. So schaffen sie ein unverwechselbares Wahrzeichen für ein Unternehmen, eine Stadt oder sogar ein Land.

Die besonderen Wendungen und Kniffe des Shanghai Tower.

Ästhetische Vorteile und mehr

Die Vorteile verdrehter Türme gehen jedoch über die Ästhetik hinaus. Mit einem solchen Design kann ein Gebäude auch aerodynamischer und energieeffizienter werden. So verringert die Drehung des Shanghai Tower beispielsweise die Windlast um 24 % (im Vergleich zu einem rechteckigen Gebäude ähnlicher Größe). Dadurch wird der benötigte Stahl um 20.000 Tonnen reduziert, was einer Kosteneinsparung von rund 58 Millionen US-Dollar (400 Milliarden Chinesische Yuan) entspricht.

Neben der Ästhetik und der Kosteneinsparung wird auch die Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle dabei spielen, aus dem Trend für verdrehte Hochhäuser eine Tradition zu machen. So kann die Drehung den Energieverbrauch in einem Gebäude senken: Durch die Anordnung der Fenster beispielsweise kann die Aufheizung der Räume durch das Sonnenlicht reduziert werden.

Darüber hinaus sind die meisten der neuesten nachhaltigen Technologien für ungewöhnliche Gebäudeformen gut geeignet. Bei der Entwicklung des Shanghai Tower stand beispielsweise das LEED Gold-Zertifikat im Vordergrund. Daher wurden 270 Windturbinen in seine energiesparende Doppelfassade integriert.

Dank Planungstechnologien wie Building Information Modelling (BIM), neuer Materialien und innovativer Gebäudetechnik in der Konstruktion sowie umweltfreundlicher Technologien wie Intelligenter Gebäudemanagementsysteme (IBMS) und modernster Wassersparsysteme in der täglichen Gebäudenutzung ist es gut möglich, dass auch in Ihrer Stadt demnächst ein verdrehter Turm errichtet wird.

Technologie wird zum Vorteil

Die technologischen Fortschritte ermöglichen es Architekten und Bauherren, die herkömmlichen Designansätze zur Konstruktion von Hochhäusern zu revolutionieren. Verdrehte Türme sind ein weiteres Kennzeichen der fortschreitenden urbanen Entwicklung in unserer Zeit. Sie bieten nicht nur einen optimistischen Ausblick auf all die spannenden Dinge, die noch kommen mögen, sondern erinnern uns auch daran, dass die schönste und effizienteste Verbindung zwischen zwei Punkten nicht immer eine gerade Linie ist.

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