150 Jahre Bauen in den Himmel: die Entwicklung der Hochhäuser

Die Entstehung der Wolkenkratzer hat das Stadtleben verändert
Landmark

Hochhäuser sind eines der größten Wunder und auffälligsten Kennzeichen der Moderne. Sie entstanden jedoch nicht über Nacht. Vielmehr sind sie das Ergebnis kontinuierlicher Innovationen, Entdeckungen und Experimente.

In der Geschichte des Wolkenkratzes gab es so viele Neuerungen und bahnbrechende Momente, dass es nicht einfach ist, die wichtigsten von ihnen zu nennen. Darum hat URBAN HUB mit Dario Trabucco gesprochen, Research Manager beim Council on Tall Buildings and Urban Habitat (CTBUH), um zu erfahren, welche er für die entscheidenden Meilensteine hält.

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1852 – Aufzüge ermöglichen den Bau von Hochhäusern

1852 erfand Elisha Otis den weltweit ersten „Sicherheitsaufzug“, der für den Fall eines Kabelrisses über eine Fangsicherung verfügte. Kurze Zeit später – 1857 – wurde im E.V. Haughwout Building in New York City der erste Personenaufzug der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Da Treppensteigen nun kein Grund mehr für eine geringere Attraktivität der oberen Stockwerke war, konnten Gebäude ungehindert nach oben wachsen. „Früher waren die oberen Etagen armen Leuten vorbehalten. Mit der Erfindung des Aufzugs verkehrte sich das ins Gegenteil. Die oberen Stockwerke wurden besonders attraktiv, da sie durch mehr natürliches Licht, bessere Luft und weniger Straßenlärm gekennzeichnet sind.“

Das 7-stöckige Equitable Life Building (1870) gilt heute als der vielleicht erste Wolkenkratzer. 1871 verewigte der Künstler Alfred Emslie einen gerade angekommenen deutschen Immigranten, der am Gebäude nach oben blickte und sagte: „Das muss der Palast sein!“

Das Haughwout Building

E. V. Haughwout Building

Fertigstellung: 1857
Standort: New York City, USA
Baustil: Neo-Renaissance (italienischer Stil)
Struktur: Fassade aus Gusseisen, Mauerwerk
Stockwerke: 5
Höhe: 24 Meter
Besonderheit: 1. Gebäude mit einem Aufzug

Equitable Life Building

Fertigstellung: 1870
Standort: New York City, USA
Baustil: Neo-Renaissance (französischer Barock)
Struktur: Mauerwerk
Stockwerke: 7
Höhe: 40 Meter
Besonderheit: 1. Bürogebäude mit einem Aufzug

Das Equitable Life Building
Dario Trabucco
„Die Erfindung des Aufzugs war der Startschuss für den Bau von ‚Hochhäusern‘. Alles, was danach kam, wurde dadurch beeinflusst.“

Dario Trabucco

Research Manager, Council on Tall Buildings and Urban Habitat

 

 

Kurzbiografie: Dario Trabucco
Dario Trabucco ist fest angestellter Forscher für Bautechnik an der IUAV-Universität von Venedig (Italien). Zu seinen Fachgebieten gehören die Erstellung von Ökobilanzen für Hochhäuser, die Planung von Versorgungsschächten sowie die Renovierung von Hochhäusern.

Trabucco ist Research Manager beim CTBUH und hat in Venedig (Italien) das CTBUH Research Office gegründet. Er war Hauptverantwortlicher für CTBUH-Studien in den Bereichen „Megacolumns“ aus Verbundstoffen sowie Dämpfungstechnik für Hochhäuser.

1916 – Bebauungsplan New York City

Anschließend nennt Trabucco den nächsten Meilenstein bei der Konstruktion von Hochhäusern: „Der Bebauungsplan von 1916 veränderte die Bauart von Gebäuden in Downtown New York. Nach und nach sahen Gebäude in anderen Städten ähnlich aus.“

Mit dem Plan sollte verhindert werden, dass Gebäude kein Licht mehr zum Straßenniveau durchlassen. Von nun an mussten Hochhäuser in einen bestimmten Prozentanteil der Grundstücksfläche passen. Um dieser Anforderung zu genügen, entwarfen Architekten Hochhäuser mit einer Reihe von zurückgesetzten Fassaden, sodass Gebäude schmaler wurden, je höher sie waren.

Laut der Gründerin des Skyscraper Museum, Carol Willis, wurde dieser Bebauungsplan „zur Grundlage für eine neue Art von Wolkenkratzern sowie eine neue Vision der modernen Großstadt“.* So führten die Vorschriften in den 20er- und 30er-Jahren zum Bau zahlreicher wunderschöner Art Deco-Hochhäuser und markierten den Punkt, an dem Architekten aufhörten, klassische europäische Modelle zu imitieren.

 

*Willis, C. (1986). Zoning and Zeitgeist: The Skyscraper City in the 1920s. Journal of the Society of Architectural Historians, 45(1), 47–59.

Das Chrysler Building Das Chrysler Building

Chrysler Building

Fertigstellung: 1930
Standort: New York City, USA
Baustil: Art Deco
Struktur: Stahl
Stockwerke: 77
Höhe: 318,9 Meter
Besonderheit: Von 1930 bis 1931 das höchste Gebäude der Welt

Das Empire State Building Das Empire State Building

Empire State Building

Fertigstellung: 1931
Standort: New York City, USA
Baustil: Art Deco
Struktur: Stahl
Stockwerke: 102
Höhe: 443,2 Meter
Besonderheit: Von 1931 bis 1971 das höchste Gebäude der Welt

1950er – Wolkenkratzer mit Vorhangfassade

1952 wurde das Lever House mit einer voll verglasten Vorhangfassade errichtet. Es war zwar nicht das erste Gebäude mit dieser Technik, inspirierte jedoch zahllose Hochhäuser in New York City und im Rest der Welt. Trabucco erläutert: „Durch Glasfassaden vom Boden bis zur Decke sowie eine bessere Beleuchtung und Belüftung konnten die einzelnen Stockwerke deutlich breiter werden.

Der Baustil mit rechteckigen Glastürmen wurde zum Standard für Wolkenkratzer im International Style. Die voll verglasten Vorhangfassaden ermöglichten zudem eine Maximierung der Nutzfläche, da sie mehr natürliches Licht einlassen.

Lever House

Fertigstellung: 1952
Standort: New York City, USA
Baustil: International Style
Struktur: Glashülle, Stahlskelett
Stockwerke: 21
Höhe: 93,6 Meter
Besonderheit: 1. Bürogebäude mit einer voll verglasten Vorhangfassade

Das Lever House in New York
Der Willis Tower (früher Sears Tower)

Willis Tower (früher Sears Tower)

Fertigstellung: 1974
Standort: Chicago, USA
Baustil: International Style
Struktur: Glashülle, Stahlskelett
Stockwerke: 108
Höhe: 527 Meter
Besonderheit: Von 1974 bis 1998 das höchste Gebäude der Welt

1973 – Ölkrise

Die Ölkrise 1973 war Startpunkt für die Nachhaltigkeitsbewegung in der Architektur“, erklärt Trabucco. „Zuvor wurden viele Hochhäuser gebaut, die wie schwarze Kästen aussahen. Die schwarze Farbe blockierte jedoch das natürliche Licht. Da sich Fenster nicht öffnen ließen, benötigten sie zudem deutlich mehr Energie für die Kühlung.“

Trabucco meint, dass sich der Wandel an einem Vergleich zwischen dem Tour Areva (1974 als Tour Fiat fertiggestellt) und dem Tour Total (fertiggestellt 1985) besonders gut erkennen lässt. Diese Hochhäuser waren zunächst als Zwillingstürme geplant. Nach Fertigstellung des ersten Turms kam es jedoch zur Ölkrise, sodass der Tour Total unter stärkerer Beachtung von Nachhaltigkeitsaspekten gebaut wurde.

Entwicklung der Hochhäuser Entwicklung der Hochhäuser
Schwarzer Monolith (Tour Areva) und sein leuchtender Cousin (Tour Total)

2001 – Die Anschläge vom 11. September als Wendepunkt

Der 11. September kann als Wendepunkt in einer Revolution betrachtet werden, die bereits zuvor begonnen hatte“, erläutert Trabucco. Die Tragödie hatte zwar direkten Einfluss auf das Bauen (zum Beispiel beim Brandschutz und der Planung von Fluchtwegen), letztendlich markierte sie aber den Übergang von einem Hochhaustyp zu einem anderen.

Trabucco fährt fort: „In den früher 1990ern hätten die meisten darauf getippt, dass der nächste ‚höchste Wolkenkratzer‘ ein Büroturm mit Stahlskelett in einer amerikanischen Stadt sein würde. Seit dem 11. September erwarten wir ein solches Gebäude eher in Asien oder dem Nahen Osten – errichtet aus Beton und mit einer Mischnutzung.“

Doch auch in Nordamerika werden weiterhin Wolkenkratzer gebaut. One World Trade Center ist seit seiner Eröffnung 2014 das höchste Gebäude in der westlichen Welt – ein Phoenix aus der Asche.

Beeindruckender Wolkenkratzer: Das One World Trade Center Beeindruckender Wolkenkratzer: Das One World Trade Center

One World Trade Center
Fertigstellung: 2014
Standort: New York City, USA
Baustil: Postmodern
Konstruktion: Stahl und Beton
Stockwerke: 94
Höhe: 541,3 Meter
Besonderheit: Höchstes Gebäude der westlichen Welt (Stand: Mai 2016)

Der Shanghai Tower

Shanghai Tower

Fertigstellung: 2015
Standort: Shanghai, China
Baustil: Postmoderner Futurismus (chinesisch)
Konstruktion: Betonkern und „Megacolumns“ aus Verbundstoffen
Stockwerke: 128
Höhe: 632 Meter
Besonderheit: Zweithöchstes Gebäude der Welt (Stand: Mai 2016)

Burj Khalifa

Fertigstellung: 2010
Standort: Dubai, Vereinigte Arabische Emirate
Baustil: Postmoderner Futurismus (islamischer Prägung)
Struktur: Stahlbeton
Stockwerke: 163
Höhe: 829,8 Meter
Besonderheit: Höchstes Gebäude der Welt (Stand: Mai 2016)

Burj Khalifa
„Hinter jedem Wolkenkratzer steht eine Persönlichkeit, die versucht, eine kühne Aussage zu treffen. Mit dem Bau sehr hoher Gebäude ist im Prinzip die Entstehung neuer Weltstädte verbunden. Städte wie Dubai, Taipei, Shenzen und Guangzhou waren fast unbekannt, bis sie durch die Konstruktion von Wolkenkratzern Aufmerksamkeit erregten.“

Dario Trabucco

Research Manager, Council on Tall Buildings and Urban Habitat

20?? – Die Zukunft des Wolkenkratzers

Auf die Frage, welche Art von Gebäuden er in der Zukunft erwartet, antwortet Trabucco: „Ich bin mir sicher, dass Gebäude nicht mehr als eigenständige Strukturen entworfen werden müssen. Wenn Hochhäuser in den oberen Stockwerken miteinander verbunden werden, entsteht mehr Redundanz bei der Energie- und Wasserversorgung. Das Gleiche gilt auch für sekundäre Flucht- und Rettungswege.“

Angesichts der Tatsache, dass das Straßenniveau immer voller wird“, fährt Trabucco fort, „könnte die Überlastung in Bodennähe durch Verbindungen zwischen Gebäuden und gemeinschaftliche Flächen in Hochhäusern verringert werden. Das Leben in Wolkenkratzern würde nachhaltiger gestaltet.“

Eine Umgebung, die miteinander verbundene Gebäude beinhaltet, würde Lösungen für die Fortbewegung zwischen den Gebäuden erfordern. Das könnten Aufzüge und separate Fahrsteige sein. Eine noch bessere Lösung aber wären Aufzüge wie der MULTI-Aufzug, der sich auch horizontal und in einem Kreis von Gebäude zu Gebäude bewegen kann.

„Ich vermeide das Wort ‚Geschichte‘, wenn ich über Gebäude spreche. Der Begriff Evolution trifft es einfach besser. ‚Geschichte‘ ist Vergangenheit. Die Entwicklung von Hochhäusern ist jedoch noch nicht abgeschlossen.“

Dario Trabucco

Research Manager, Council on Tall Buildings and Urban Habitat

Die weitere Entwicklung der Hochhäuser: Der Jeddah Tower (Kingdom Tower)

Jeddah Tower (Kingdom Tower)

Fertigstellung (geplant): 2018
Standort: Jeddah, Saudi-Arabien
Baustil: Postmoderner Futurismus (islamischer Prägung)
Struktur: Stahlbeton
Stockwerke (geplant): 167
Höhe (geplant): über 1.000 Meter

Stage Image 1: New York City Skyscrapers by Kevin Jarrett, licensed under CC BY 2.0

Stage Image 2: The Chrysler Building by Howard Yang Photography, licensed under CC BY 2.0

Stage Image 3: Empire State building, New York | USA by Pablo Pola Damonte, licensed under CC BY 2.0

Stage Image 4: Lever House by Rafael Chamorro, licensed under CC BY 2.0

Stage Image 5: Willis Tower, Chicago by Rob Young, licensed under CC BY 2.0

Stage Image 6: Tours Areva Total by Vincent XXXXXX, licensed under CC BY 2.0

Stage Image 7: Shanghai Tower by Chinainfocenter, licensed under CC BY 2.0

Stage Image 8: Burj Khalifa by Zoemies …, licensed under CC BY 2.0

Stage Image 9: One World Trade Center by Dirk Steingäßer, licensed under CC BY 2.0

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