Natur erobert Stadt: begrünte Wände und Dachgärten

Green walls Paris - Musée de quai Branly

Grasdächer dienen der Gebäudeisolierung und haben in Skandinavien ein lange Tradition. Doch erst seit kurzem nutzen Architekten und Designer weltweit Gebäudefassaden für den Pflanzenanbau. Der österreichische Künstler und Querdenker Friedensreich Hundertwasser war beispielsweise einer der ersten, die städtisches Leben mit der Natur in Einklang bringen wollten (siehe auch unsere Bildergalerie).

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Heutige Architekten beschreiten bei der Gestaltung von Außenwänden neue Wege. Pflanzen spielen dabei eine zentrale Rolle. Begrünte Wände und Dächer erfüllen eine Vielzahl praktischer und ästhetischer Funktionen. Einige Visionäre haben es sich gar zum Ziel gesetzt, völlig neue urbane Lebenswelten zu schaffen: ein miteinander verbundenes Dächernetz aus Parks, Anbauflächen und sozialen Treffpunkten.

„Die Geschichte grüner Wände reicht in die frühen 1990er-Jahre zurück, als der Ökologe und Architekt Ken Yeang vorführte, wie ein Gebäude mehr Platz für Pflanzen bieten kann als das Grundstück, auf dem es steht.“

Daniel Safarik

China Office Director, CTBUH Journal Editor, Council on Tall Buildings and Urban Habitat (CTBUH)

Urbaner Raum in voller Blüte

Der Begrünungsboom hat nicht nur ästhetische Gründe: Bepflanzte Gebäudefassaden senken Energiekosten und senden ein sichtbares Signal der Nachhaltigkeit. Umweltzertifizierungen erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Mehr noch als eine LEED-Plakette auf dem grauen Wohnklotz symbolisieren dieses Bestreben jedoch Hochhauswände, die in voller Blüte stehen.

Eine weitere Ursache dieses Trends ist die Verknappung städtischen Wohnraums. Auf Dächern können begrünte Flächen entstehen, die ansonsten finanziell kaum zu realisieren wären. Landwirtschaftliche, nicht mit Schadstoffen belastete Nutzflächen versorgen Städter mit regionalen Erzeugnissen. Die Begrünung von Häusern in all ihren Spielarten steht für eine neue Bewegung im städtischen Design, die urbane Räume umdenkt und der Stadt der Zukunft ein neues Gesicht verleiht.

Vertikale Gartenkunst

Begrünte Wände schmeicheln nicht nur dem Auge. Beim Blick aus dem Panoramarestaurant dienen sie beispielsweise als naturbelassene Kulisse für gehobenes Dinieren. Beim Tree House in Singapur isoliert eine massive grüne Wand das Gebäude, filtert die Luft und sammelt Regenwasser. Eine Bank in Baltimore nutzt vertikale Flora, um ihre Marke ins rechte Licht zu rücken.

Baltimore: organische Werbung / Singapur: der größte vertikale Garten Baltimore: organische Werbung / Singapur: der größte vertikale Garten
Baltimore: mehr Publicity durch organische Werbung / Singapur: der weltweit größte vertikale Garten senkt Kosten

Blühende Dächer

Wie begrünte Wände können auch Dachgärten verschiedenartige Zwecke erfüllen. Sie können ganz konkrete Vorteile wie eine verbesserte Energieeffizienz oder Kosteneinsparungen mit sich bringen. Oft sind sie jedoch auch nur ein Ort der Begegnung, der zum Entspannen einlädt und dem Anbau regionaler Erzeugnisse dient.

Urban Gardening 2.0

Über den Dächern einer Stadt zu wandeln übte auf die Menschen schon immer eine gewisse Faszination aus. Gestaltet man diese Orte auch noch ansprechend und lässt sie in sattem Grün erstrahlen, entwickeln sie sich schnell zu wichtigen sozialen Treffpunkten. Das Potenzial für Stadtbewohner und Touristen wird quasi nur durch die Zahl der vorhandenen Dächer begrenzt.

Die wegweisendsten Projekte beschäftigen sich mit der nachhaltigen Urbanisierung vorhandener Anbauflächen. Die Vision: landwirtschaftlich genutzte Flächen aufeinander zu „stapeln“, ohne die Größe der kultivierten Fläche zu begrenzen, und Ernteerträge sowie Feuchtgebiete und Grundwasserspeicher weiter zu nutzen, selbst wenn sie vom Boden auf das Dach eines Gebäudes verlegt werden. Als ultimatives Ziel könnten Verbindungswege zwischen einzelnen Dächern für Landwirte, Fußgänger, Jogger und Fahrradfahrer geschaffen werden. Klingt unglaublich? Im chinesischen Guangxi steht das Projekt bereits kurz vor seiner Umsetzung.

„In vielen Fällen errichten wir Gebäude auf nährstoffreichem Boden, besonders in Kalifornien. Stellen Sie sich die Möglichkeiten vor, wenn jedes Gebäudedach landwirtschaftlich genutzt werden könnte.“

Bridgett Luther

Gründer des Cradle to Cradle Products Innovation Institute

Dank Hydrokulturen können Gärten und Anbauflächen ohne Nährboden auskommen – ein faszinierender Gedanke im Hinblick auf die zukünftige Ernährung der städtischen Bevölkerung. Ein New Yorker Restaurant produziert auf diese Weise bereits einen Großteil seiner Zutaten.

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Video Soil-less sky farming: rooftop hydroponics on NYC restaurant

Begrünte Wände und Dachgärten eignen sich nicht nur für Büro- und Wohngebäude, sondern haben längst auch in der Industrie Anklang gefunden. Kann ein Motorradhersteller in seinen Fertigungshallen ein Pflanzenreich erschaffen und in Harmonie mit der Natur arbeiten? Genau das ist in Indien passiert. Sehen Sie selbst!

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Hero Garden Factory video from Youtube

Credits

Baltimore by Flicker user A.Currell 

Tree House Singapore: 
http://addp.sg/wp-content/uploads/2012/06/Tree-House-705×1024.jpg

Ford by e360.yale.edu 

NYC by Flicker user Fort green Focus 

Rotterdam Dakpark by Flickr user Fransall

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