Diskussion um Grüngürtel: Wie viel Natur braucht eine Stadt?

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Urbanization

In Zeiten starker Urbanisierung gewinnen städtische Grüngürtel eine neue Bedeutung. Das gilt vor allem für London, wo die Wohnungsknappheit eine hitzige Debatte darüber ausgelöst hat, ob nicht einige der vorhandenen Grünzonen – die teilweise in sehr schlechtem Zustand sind – als Baufläche für neuen Wohnraum genutzt werden sollten, um zur Entspannung auf dem Wohnungsmarkt beizutragen.

Gleichzeitig weiten Städte wie Stockholm und Seoul die Entwicklung ihrer Grüngürtel aus. Welchen Zweck haben diese ringförmig um Städte angelegten Grünzonen eigentlich? Ist es an der Zeit, den Grüngürtel enger zu schnallen, oder sollte man ihn vielleicht sogar noch etwas weiter machen? URBAN HUB zeigt die Probleme auf und bringt Licht in die Debatte.

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Die Entstehungsgeschichte des städtischen Grüngürtels

Die ersten Vorformen des städtischen Grüngürtels lassen sich bis in die Zeit der Antike zurückverfolgen. Im 7. Jahrhundert beispielsweise untersagte die Stadt Medina die Fällung von Bäumen im Umkreis von knapp 20 Kilometern. Im Jahr 1580 verbot Queen Elizabeth I die Bebauung im Umkreis von fünf Kilometern von London, um die Ausbreitung der Pest zu verhindern. Später, während der Aufklärung Mitte des 19. Jahrhunderts, begannen europäische Städte, eng bebaute Altstadtzentren durch Errichtung breiter grüner Boulevards offener zu gestalten.

In Städten wie Wien wichen Festungsringe größeren Gebäuden, die in hübschen Parklandschaften platziert wurden. Diese neuen Grünzonen waren Symbol für ein Zeitalter, in dem Freizeitaktivitäten im Freien für eine neue Art von Stadt und Gesellschaft gefördert wurden.

In England gingen die Entwicklungen noch weiter. Hügelige Parks als Erholungsorte für gestresste Städter waren bereits im Viktorianischen Zeitalter vorzufinden. Doch 1920 wurde der Begriff „Grüngürtel“ erstmals zur Beschreibung der Pufferzone zwischen Gewerbe- und Wohnbereichen verwendet. Grüngürtel sollten ferner aber auch eine effiziente Landnutzung fördern und eine Zersiedelung verhindern.

Dieses Video von der London School of Economics gibt einen Überblick über die Geschichte des Londoner Grüngürtels und die damit einhergehende Debatte. In dem Video wird eine weitere eingeschränkte Bebauung befürwortet, jedoch soll der Grüngürtel in jedem Fall auch für künftige Generationen erhalten bleiben.

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London als Beispiel für eine hitzige Stadtplanungsdebatte

In den 1930er-Jahren ließ London seinen Worten Taten folgen und errichtete als erste Stadt überhaupt einen modernen urbanen Grüngürtel. Mittlerweile umfasst dieser eine Fläche von 516.000 Hektar und ist heute Gegenstand einer hitzigen nationalen Debatte von globalem Interesse. Im Mittelpunkt der Diskussion steht die Frage nach Wohnraum. London verfügt mit seinem riesigen Grüngürtel über viel unbebaute Fläche; gleichzeitig ist erschwinglicher Wohnraum extrem knapp. Für Konservative und Traditionalisten ist der Grüngürtel Bestandteil von Englands Natur- und Kulturerbe – das es um jeden Preis zu erhalten gilt. Sie argumentieren, dass die Grüngürtel niemals als „Landvorräte“ gedacht waren, derer man sich eines Tages bedienen könnte.

Die Gegengruppe, die Veränderungen offener gegenübersteht, ist der Meinung, dass das Festhalten an den veralteten Vorstellungen im Hinblick auf den Grüngürtel das Wachstum der Stadt hemmt und zu einem horrenden Anstieg der Immobilienpreise führt. Sie verweisen auf Städte, die keinen vergleichbaren Grüngürtel besitzen und es dennoch schaffen, ausreichend Naturräume zu integrieren. Des Weiteren argumentieren sie, dass Grüngürtel nicht wirklich ihren Zweck erfüllen, da die Menschen sich einfach auf der anderen Seite des Grüngürtels Wohnraum suchen und lange Pendelwege in Kauf nehmen, was eine zusätzliche Belastung für das Straßen- und Schienennetz bedeutet.

Die konservative Seite entgegnet, dass es bereits unzählige Brachflächen in der Stadt gibt, die wieder reaktiviert und als Fläche für verdichteten Wohnungsbau genutzt werden könnten. Zudem glauben sie, dass auch weniger beliebte Stadtgebiete profitieren – und zur Entspannung der Immobilienpreise in London beitragen – würden, wenn die Regierung entsprechende Regelungen und Anreize für die dort lebenden Menschen implementierte.

Der städtische Grüngürtel ist kein Hindernis

Ein Kompromiss scheint die wahrscheinlichste Lösung zu sein. Natürlich möchte niemand einer wachsenden Stadtbevölkerung erschwinglichen Wohnraum verwehren, doch gleichzeitig möchte keiner in einer Stadt wohnen, die nur aus Beton und Stahl besteht. Pläne für neue Städte sehen beispielsweise immer Parks und offene kommunale Räume vor. Es ist wirklich unwahrscheinlich, dass bestehende Städte wirklich einen Schritt zurückgehen werden.

Grüngürtel bieten nicht nur den Vorteil, dass sie hübsch anzusehen sind oder Raum für Freizeit und Kultur bieten. Grüngürtel sind die Lunge einer Stadt: Sie absorbieren CO2 und produzieren frische Luft. In Küstenstädten können sie dazu beitragen, Erosion und das Risiko von Überschwemmungen zu verhindern, indem sie den Boden stabilisieren und den Oberflächenabfluss verlangsamen. Zudem bieten sie einen Lebensraum für Tiere und bewahren die biologische Vielfalt, während sie gleichzeitig den Stadtbewohnern schnellen Zugang zur Natur ermöglichen.

Es ist gut möglich, dass der Londoner Grüngürtel irgendwann mit Wohnungen bebaut wird. Doch das Interesse an der Reaktivierung von Brachflächen steigt. Seltsamerweise konnten in einigen anderen Teilen Großbritanniens durch derartige Umstrukturierungsprojekte tatsächlich neue Räume für Grünzonen geschaffen werden. Seit 2009 wurden 48 solcher Projekte realisiert, bei denen Brachgelände wie ein ungenutzter Sportkomplex in Ewell (Surrey) in Landschaftsschutzgebiete verwandelt wurden.

Grüngürtel rund um Stadtzentren in aller Welt

Wie gehen also andere Städte mit Grüngürteln und starkem Bevölkerungswachstum um? Schließen sie Parks oder suchen nach Möglichkeiten, mehrere Bedürfnisse gleichzeitig zu erfüllen?

Im Süden Ontarios liegt der „Golden Horseshoe“, ein Naturschutzgebiet, das Landwirtschaftsflächen, Grünzonen und Feuchtgebiete im Großraum Toronto umfasst, welcher zu den am schnellsten wachsenden Gebieten Kanadas gehört.

Ottawa – ebenfalls in Kanada gelegen – verfügt über einen Grüngürtel mit einer Fläche von 203,5 Quadratkilometern, der in den 1950er-Jahren angelegt wurde, um einer Zersiedelung entgegenzuwirken. Während die Entwicklung sich mittlerweile auch über seine Grenzen hinaus erstreckt, erweist sich der grüne, ländliche Streifen rund um Ottawa als äußerst vorteilhaft für die Stadt.

Im australischen Adelaide ist das zentrale Geschäftsviertel ringsum von den Adelaide Parklands umgeben. Die Parks waren bereits Bestandteil der Originalpläne für die Stadt aus dem Jahr 1837 und gehören heute zum nationalen Kulturerbe.

Seoul in Südkorea hat sich bei seiner Grüngürtel-Politik am englischen Vorbild orientiert. Die Regierung kontrolliert die Entwicklung im Grüngürtel sehr streng. Dies hat zwar zu höheren Immobilienpreisen geführt, aber die Einwohner unterstützen das Konzept trotzdem, da sie die vielen Freizeitmöglichkeiten und Vorteile für die Umwelt schätzen, die damit einhergehen.

Stockholm nutzt sogenannte „Grünkeile“, um eine Art Grüngürtel zu schaffen.

Wenn es kein Grüngürtel sein darf, was dann?

Wie wäre es statt einem Grüngürtel mit einem Grünkeil? Es handelt sich dabei um eine Grünfläche, die sich keilförmig von der Stadtgrenze bis in das Stadtzentrum erstreckt. Städte wie Stockholm setzen auf diese Strategie, da sie es ihnen ermöglicht, weiterhin nach außen hin zu wachsen und gleichzeitig die vorhandenen Naherholungsgebiete und Naturräume zu erhalten.

Andere Städte kombinieren die Idee eines Grüngürtels mit der Wiederentdeckung ihrer geografischen Umgebung und den Gesetzen der Natur. Im texanischen Dallas hat man das dortige Flussbecken trockengelegt und Parklandschaften angelegt, die der Stadt zusätzlich Schutz vor Überflutungen bieten sollen. In China entsteht die sogenannte „Forest City“, bei der man die Idee eines Dachgartens neu interpretiert hat und einen vertikalen Grüngürtel schaffen will.

Die Pläne sehen die Errichtung einer ganzen „Waldstadt“ vor, in der auf jeder Etage jedes Hochhauses Bäume gepflanzt werden sollen. Das Konzept des Grüngürtels wird ebenfalls weiterentwickelt. Wangari Maathai, Friedensnobelpreisträgerin aus dem Jahr 2004, rief ein Aufforstungsprogramm für Kenia ins Leben, um der dortigen Abholzung, Bodenerosion und Wasserknappheit entgegenzuwirken. In ihren Augen sind diese Maßnahmen nicht nur Kür, sondern Pflicht, um den Weltfrieden zu erlangen oder zu bewahren.

Forest City: Wird der Grüngürtel der Zukunft vertikal angelegt sein?

Debatte über die urbane Zukunft

Die Diskussion über den Londoner Grüngürtel ist sehr interessant, da viele Probleme zur Sprache kommen, mit denen Städte und ihre Einwohner konfrontiert sind. Es ist ein wichtiger Dialog, bei dem sichergestellt werden muss, dass jedermann Ideen und Meinungen einbringen darf und diese auch berücksichtigt werden. Unterdessen bleiben Grüngürtel in vielen anderen Städten aber weiterhin ein wichtiger Faktor für urbane Lebensqualität.

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