Cities

Toronto plant zusammen mit Sidewalk Labs die erste smarte Nachbarschaft

Smart-City-Technologien nehmen nach wie vor starken Einfluss auf die urbane Entwicklung. Viele Städte machen sich Technologien für das Internet der Dinge zunutze und haben bestimmte Funktionen ihrer Infrastruktur digitalisiert. Andere haben versucht, eine Smart City von den Grundmauern auf neu zu errichten – und sind dabei gescheitert.

Sidewalk Labs, ein auf urbane Innovation spezialisiertes Unternehmen der Google-Muttergesellschaft „Alphabet“, will sich an ein neues Stadtentwicklungsprojekt in Toronto wagen und verkündete im Jahr 2017, dass an der Küste Torontos die ultimative Smart City und eine Brutstätte für urbane Innovation entstehen sollen. Urban Hub hat sich einmal genauer angeschaut, was dieses smarte Projekt so besonders macht.

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Rundum intelligent - In vielerlei Hinsicht basiert ein Smart-City-Konzept lediglich auf guter Stadtplanung, die sowohl Fortschritte in den digitalen Technologien als auch neue Denkansätze für uralte urbane Konzepte wie Beziehungen, Gemeinschaft, Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein, demokratische Beteiligung, Good Governance und Transparenz berücksichtigt.
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Erstellt am 20.03.2018

Eine aufregende Idee: eine brandneue smarte Nachbarschaft für Toronto

Seit Jahren denkt die Stadt Toronto darüber nach, wie sie ihre Küste am besten umgestalten könnte. 2017 startete die kanadische Metropole dann eine Ausschreibung, um eine Lösung zu finden, die die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Möglichkeiten optimal ausschöpfen und eine Nachbarschaft der Zukunft entstehen lassen würde, die den Bedürfnissen aller Bewohner gerecht wird.

Einer der Bewerber war das auf Smart-City-Technologien spezialisierte Unternehmen Sidewalk Labs, das schon seit einiger Zeit nach dem perfekten Standort gesucht hatte, um seine Vision einer Smart City zu realisieren.

Damit trafen sozusagen zwei Gleichgesinnte mit ähnlichen Leidenschaften aufeinander. Als florierender Anziehungspunkt für technologieorientierte Unternehmen und Start-ups weiß Toronto, dass bahnbrechende Innovationen die Wirtschaft ankurbeln können. Nachdem Sidewalk Labs den Zuschlag von der Stadt erhalten hatte, stellte das Unternehmen für die erste Projektphase 50 Millionen US-Dollar bereit.

Das Vorhaben

Das übergreifende Projekt Sidewalk Toronto beginnt mit der Entwicklung des Viertels Quayside, einem ca. 50.000 Quadratmeter großen, südöstlich des Zentrums gelegenen Gebiet im Küstenbereich von Toronto. Wenn bei diesem Abschnitt alles glatt läuft, soll das Projekt auf die Port Lands, eine Halbinsel so groß wie das Stadtzentrum von Toronto, ausgeweitet werden.

Zur Verwirklichung der Vision werden bei der Umgestaltung des Küstenareals von Toronto keine Bemühungen gescheut. Das urbane Entwicklungsprojekt macht vor, wie Städte von morgen gebaut werden können. Sidewalk Labs möchte einen vollständig vernetzten Stadtteil erschaffen und dabei einen kontinuierlichen Austausch zwischen Bürgern und Stadtplanern fördern. Technologie an sich ist eine super Sache, aber in erster Linie muss sie die Menschen unterstützen.

Was sieht der 50-Millionen-Dollar-Plan vor? Das Herzstück bildet ein digitales Netzwerk, das die gesamte physische Infrastruktur überlagert. Dank optimaler Vernetzung können die von Sidewalk errichteten Nachbarschaften in Toronto für einzigartige bewohnerorientierte Smart Services, Nachhaltigkeit und Mobilität sorgen. Fügt man dann noch ein neues modulares Baukonzept hinzu, haben wir wahrscheinlich den idealen Plan für eine Stadt der Zukunft.

Das Quayside-Areal und die Umgebung, die Sidewalk unter seine Fittiche nehmen wird

Die Smart City von Sidewalk Labs – der Fortschritt kennt kein Ende.

Zunächst wird eine datenerfassende, WLAN-gestützte digitale Infrastruktur mittels Sensoren und Überwachungskameras ein Auge auf das Kommen und Gehen haben. Die Verwaltung des Ganzen übernimmt eine zentralisierte Plattform, während eine integrierte Mapping-Anwendung in Echtzeit den Standort von allem und jedem erfasst: vom autonomen Fahrzeug bis hin zum Imbisswagen.

Die Bewohner steuern ebenfalls einen Teil zu dieser enormen Datenmenge bei, da sie über ein personalisiertes Portal zum Beispiel Verkehrsstaus melden oder Tipps geben können, wo man ein nettes sonniges Plätzchen zum Kaffeetrinken findet. Die Datenforscher von Sidewalk Labs sehen sich die Details dann ganz genau an, um herauszufinden, was gut funktioniert und was noch verbessert werden könnte – es werden kontinuierlich Anpassungen vorgenommen, um die effektivste und produktivste Vorgehensweise zu identifizieren.

Der Fortschritt macht hier niemals Pause! Sidewalk Labs hat Lösungen für die verschiedensten Szenarien parat: Es ist außergewöhnlich heiß draußen? Dann werden automatisch Markisen ausgefahren, um schützenden Schatten zu spenden. Es ist weit und breit kein Bus in Sicht? Ein Taxiroboter ist bereits auf dem Weg. Ein Rohr ist undicht? Die Sensoren haben es schon bemerkt, bevor Sie den Handwerker angerufen haben.

Steigen Sie ein – aber nicht auf dem Fahrersitz.

Der massive Einsatz digitaler Technologie wird vor allem dem autonomen Fahren kräftigen Auftrieb geben. Schluss mit den Privatautos und her mit bürgernaher Straßengestaltung und innovativen Transportoptionen! Im Wunschszenario besitzen weniger als 20 Prozent der Bewohner von Quayside ein eigenes Auto.

Eine Flotte von Taxibots und autonomen Bussen wird die Bewohner von A nach B befördern, und ein automatisiertes Netzwerk von Roboterfahrzeugen wird sich auf den Straßen tummeln – und auch darunter: Sidewalk Labs plant den Bau von unterirdischen Tunneln, in denen automatisierte Lkws beispielsweise Bestellungen ausliefern oder Abfälle transportieren.

Unabhängig von den Mobilitätslösungen werden die Straßen vor allem auf unkonventionelle Transportkonzepte wie Ridesharing sowie für Radfahrer und Fußgänger ausgelegt. Das digitale Netzwerk wird dies mittels Sensortechnologie zur Messung der Luftverschmutzung sowie einer adaptiven Ampelsteuerung unterstützen, die Fußgängern und Radfahrern Vorfahrt gewährt.

Auch Nachhaltigkeit ist intelligent.

Aber durch wen oder was wird all diese digitale Technologie angetrieben? Energie wächst nicht auf Bäumen, aber Sidewalk Labs möchte sicherstellen, dass sie auf Dächern „gedeiht“. Eine Smart City muss innovative Technologie nutzen, um nachhaltig positive Energiesysteme zu schaffen.

Die Nachbarschaft wird über ihr eigenes Micro Grid verfügen. 10 Prozent sollen vor Ort erzeugt werden, was erreicht werden soll, indem 50 Prozent aller Dachflächen mit Photovoltaikmodulen bedeckt werden. Zusätzlich wird es ein thermisches Netz geben, das Energie aus nicht-fossilen Quellen zur Beheizung und Klimatisierung von Gebäuden nutzt.

Eine effiziente, umweltbewusste Abfallentsorgung trägt ebenfalls in hohem Maße zu Nachhaltigkeit bei, und auch das wurde in den Plänen für Quayside berücksichtigt. Feststoffabfälle und Recyclingmaterial werden zu einer zentralen Sammelstelle transportiert und von dort aus zu Verwertungsanlagen gebracht, während Bioabfälle in einer Biogasanlage zu Brennstoffen verarbeitet werden.

Eine Smart City muss innovative Technologie nutzen, um nachhaltig positive Energiesysteme zu schaffen

Baue es, und sie werden kommen ... und es wiederverwenden

Früher wurden oft umweltbedenkliche Baustoffe verwendet, Gebäudetechnologien waren sehr unflexibel und ihre Lebensdauer daher sehr kurz. Bei „alten“ Stadtentwicklungskonzepten war es gang und gäbe, Bauten einfach abzureißen und dann wieder neu aufzubauen.

Sidewalk Labs sieht „Loft“-Gebäude mit neu konfigurierbaren Modulen vor, die an steigende Bewohnerzahlen und wachsende Bedürfnisse der Stadt angepasst werden können. Büro-, Produktions- und Wohnräume sind gemeinsam in einem Gebäude untergebracht, das eine standardmäßige „Außenhülle“, aber ein flexibel gestaltbares Innenleben besitzt.

Die ersten Entwürfe sehen einen harmonischen Stilmix vor, bei dem anstelle von Stahl recycelte Baustoffe und Holz zum Einsatz kommen sollen, und reichen von modularen Wolkenkratzern bis hin zu Wohn-Clustern mit Passivhaustechnik. Der Bau würde schneller vonstattengehen, wäre kostengünstiger und würde uns neue Möglichkeiten eröffnen, wenn unsere Anforderungen und die Bevölkerungszahl steigen.

Technologie soll schließlich nicht die Bevölkerung ersetzen, sondern ihr lediglich als Unterstützung dienen.

Moderne Bauprojekte brauchen Bürgerbeteiligung

Das Fundament für das Quayside-Viertel und die folgenden Sidewalk Toronto-Projekte bildet das Internet. Die Stadtplaner und die Stadtverwaltung von Toronto wissen aber, dass eine großartige Stadt oder Nachbarschaft nicht allein auf Grundlage von Technologie aufgebaut werden kann – sie soll schließlich nicht die Bevölkerung ersetzen, sondern ihr lediglich als Unterstützung dienen.

Die Bewohner äußerten Bedenken hinsichtlich Rentabilität, Datenschutz und Exklusivität (sie befürchten, dass ein „Mekka“ für die Reichen entstehen könnte). Sowohl Toronto als auch Sidewalk Labs versichern, dass sie Maßnahmen ergreifen, um der Bevölkerung die Verantwortung für ihre Stadt zu übertragen, und dass Smart Cities Barrieren einreißen können, die in der Regel den Fortschritt behindern.

Der Masterplan für Smart Cities? Ein Erfolgskonzept?

Mit Sidewalk Labs reiht Alphabet sich in eine lange Liste von Träumern, Architekten und Stadtplanern ein, die zum Beispiel in Brasilien, Songdo oder Masdar Städte nach Masterplan errichten wollen. Zudem tritt mit Alphabet ein neuer Akteur auf das Spielfeld der Stadtplanung: das Technologieunternehmen. Bisher haben Tech-Firmen nur die smarten Technologien für Städte geliefert, aber noch nie das Gesamtpaket.

Vor Kurzem erwarb eine Tochtergesellschaft von Bill Gates‘ Investmentunternehmen Cascade Investment LLC ein Stück Land in Arizona, auf dem eine Smart City entstehen soll. Ist dies ein neuer Trend im Bereich urbaner Innovation? Das wahrscheinlichere Szenario ist wohl, dass Städte und Technologiefirmen weiterhin bei unabhängigeren Projekten zusammenarbeiten, wie im Falle von Cisco, Sprint und Think Big Partners, die gemeinsam mit Kansas City (USA) einen Smart-City-Korridor errichten wollen.

Das Sidewalk Toronto-Projekt wird irgendwann sicherlich mit den Projekten in Songdo und Masdar City verglichen, bei denen der Traum von einer Smart City nicht ganz in Erfüllung gegangen ist. Kritiker behaupten, die Pläne für Sidewalk Toronto seien nicht wirklich neu – es hätten sich nur der Umfang und die Anzahl der smarten Technologien geändert. Sidewalk Labs erwidert, dass dies der erste ganzheitliche Plan dieser Art sei und man schon vor zehn Jahren mit der Ausarbeitung begonnen habe.

Die Quayside – eine Smart City auf Achse

Wenn Toronto und Sidewalk Labs ihre innovativen Pläne vorantreiben, werden viele ein Auge auf die Entwicklung der Pläne haben, um zu sehen, welche Visionen tatsächlich umgesetzt werden und welche im Sande verlaufen. URBAN HUB wird die Entwicklungen in jedem Fall verfolgen!

2018 wird vor allem der umfassenden Planungsarbeit unter enger Einbeziehung der Bevölkerung gewidmet, um einen Masterplan für Innovation und Entwicklung auszuarbeiten, der die Richtung für die bevorstehenden Bauvorhaben vorgeben wird. Sidewalk Toronto ist sich sicher, dass das Projekt ein Magnet für neue Ideen sein und zu einem globalen Zentrum für smarte urbane Innovation werden wird.

Image Credits:

Self-driving car, taken from commons.wikimedia.org; some rights reserved

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