Städte und ihre Tunnel: Impressionen aus dem Untergrund

Cities
Urbanization

Was verbirgt sich unter der Erde? Diese Frage regt die menschliche Fantasie seit jeher an. In der griechischen Mythologie galt das Reich der Toten als vollkommen realer Ort tief unter der Erde. Selbst heute ranken sich noch zahlreiche Legenden um alles, was unterirdisch liegt.

Davon abgesehen erfüllen Tunnel und unterirdisch angelegte Bauwerke natürlich einen praktischen Zweck. In den Metropolen unserer Welt ist der Untergrund ganz selbstverständlich Bestandteil der städtischen Infrastruktur.

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Unter der Oberfläche

Im Rom des Altertums dienten die Katakomben politisch Verfolgten als willkommenes Versteck. In erster Linie fungierten sie jedoch als Grabstätte. Das war zum einen auf gesellschaftliche Entwicklungen zurückzuführen, zum anderen jedoch auch der zunehmenden Raumknappheit in der florierenden Metropole geschuldet. Laut Adriano Morabito, Präsident von Roms Unterwelten-Verein Roma Sotterranea, „erstrecken sich die Katakombenanlagen über hunderte Kilometer bis zu den Ausläufern der Stadt.“

Eine ähnliche Faszination übt das im Mittelalter entstandene Abwassersystem von Paris aus. Davon zeugen literarische Meisterwerke wie Victor Hugos Roman „Les Misérables“ aus dem Jahr 1862 oder „Das Foucaultsche Pendel“ von Umberto Eco. Der naheliegende Grund für den Bau: Um die hygienische Lage zu verbessern, sah sich Paris im Mittelalter gezwungen, Trink- und Abwasser besser voneinander getrennt zu halten. 1880 erstreckten sich die unterirdischen Anlagen bereits über 600 km.

Ein weiteres interessantes Beispiel sind die Tunnel von Valletta, der Hauptstadt von Malta. Erst vor kurzem wurde ihr gesamtes Ausmaß offengelegt. Das zu Beginn des 15. Jahrhunderts vom Johanniterorden angelegte Tunnelsystem ist inzwischen UNESCO Weltkulturerbe. In der Vergangenheit diente es der Trinkwasserversorgung sowie als Lagerstätte, Kriegsbunker und Verteidigungsanlage. Inzwischen ist es längst zur Touristenattraktion geworden.

Was macht den Reiz von Tunneln aus?

Städtische Tunnel haben nichts Geheimnisumwobenes an sich. Sie sollen in dicht besiedelten Regionen den vorhandenen Platz optimal ausnutzen oder neue Technologien in die vorhandene Infrastruktur integrieren. So sind U-Bahnen naturgemäß effizienter als Straßenbahnen, da sie keine Hindernisse umfahren müssen, sondern direkt von A nach B führen.

Doch städtische Tunnel sind weit mehr als Transportrouten, Trinkwasserleiter und Abwasseranlagen. In großen Gebäudekomplexen wie Universitäten oder Krankenhäusern werden Tunnel als Verbindungswege zwischen einzelnen Gebäuden genutzt. Dampftunnel transportieren Wärme vom Hauptwerk an andere Standorte. Versorgungstunnel wiederum beherbergen Rohre, Elektrokabel sowie Telefon-, Internet- und Glasfaserleitungen.

Ein besonderer Vorzug von Tunneln: Installations- und Wartungsarbeiten können vorgenommen werden, ohne das Leben an der Erdoberfläche zu beeinträchtigen.

Im Erdreich und unter dem Meeresspiegel

Auch fernab der Stadt erfüllen Tunnel vielfältige, bisweilen gar skurrile Zwecke. Da Einwohner einer norwegischen Stadt sich von einem nahegelegenen Steinbruch belästigt fühlten, wurde dieser kurzerhand in einen angrenzenden Hügel verlegt. Hierfür wurde ein spiralförmiger Tunnel in den Untergrund gebohrt, der auf dem Plateau eines Waldgebiets sein Ende fand. Als der Steinbruch stillgelegt wurde, beschloss die Stadt, den Tunnel zu asphaltieren und in eine Touristenattraktion zu verwandeln – heute ist der Drammen-Spiraltunnel über lokale Grenzen hinaus bekannt.

Offenbar erfreuen sich Tunnel in Norwegen allgemeinhin großer Beliebtheit. Nur so ist ein neuer Plan zu erklären, laut dem der weltweit erste Tunnel für Schiffe gebaut werden soll. Der Stad-Schiffstunnel entsteht auf einer Länge von 1.700 m unterhalb der langgezogenen Halbinsel Stadlandet und verbindet zwei Fjorde miteinander, damit Schiffe nicht länger den gefährlichen Weg entlang der Küste der Peninsula auf sich nehmen müssen.

Das bekannteste Beispiel für einen unterseeischen Tunnel ist der Eurotunnel, welcher England und Frankreich miteinander verbindet. Der Tunnel erstreckt sich über 50 km (38 davon unter Wasser) und ist sowohl für Personen- als auf Frachtverkehr geöffnet. Einem weiteren interessanten Untersee-Tunnel haben wir uns in einer früheren Ausgabe von URBAN HUB gewidmet: Der Marmaray-Tunnel bei Istanbul fungiert als Bindeglied zwischen Europa und Asien.

Der weltweit erste Schiffstunnel – natürlich in Norwegen. Der weltweit erste Schiffstunnel – natürlich in Norwegen.
Der weltweit erste Schiffstunnel – natürlich in Norwegen.

Tiefgründige Schönheit – Tunnel, die beeindrucken

Tunnel entstehen nicht nur im städtischen Untergrund, sondern überall dort, wo zwei Orte durch ein Hindernis voneinander getrennt sind. Nachfolgend stellen wir die weltweit spannendsten Tunnelprojekte für Sie vor:

Photo credits

Catacombs of St. Domitilla @ Dennis Jarvis (CC BY-SA 2.0)

The Spiral Tunnel in Drammen, Norway @ Drammens Tidende

The world’s first ship tunnel @ Snohetta/Norwegian Coastal Admin/AP (Source)

The Sognefjord submerged floating tunnel in Norway @ The Norwegian Public Roads Administration

Tokyo Bay Aqua-Line @ Chihaya Sta (CC BY 4.0)

The Gotthard Base Tunnel @ Hannes Ortlieb (CC BY-SA 3.0 DE)

Guoliang Tunnel Road, China @ 山海风 (CC BY-SA 3.0)

The Marmaray train tunnel @ Muhammed Enes Okullu, MEOGLOBAL

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