Cities

Städte der Antike als Exempel für moderne Metropolen

Was macht Städte lebenswert, und welche Faktoren tragen zu ihrer Attraktivität bei? Eine gute Inspirationsquelle sind die Städte des Altertums – nicht zuletzt deshalb, weil diese für den Menschen, nicht für Autos erbaut wurden; die engen Gassen antiker Städte stellten selbst manch Pferdekutsche vor Probleme. Die Philosophie, das Städtedesign am Menschen statt am Auto auszurichten, steht in der Tradition antiker Baukunst: Alles ist fußläufig zu erreichen, ein Sinn für Schönheit spiegelt sich in der urbanen Architektur, die Sicherheit der Bewohner steht an vorderster Stelle, und es gibt genügend Raum für menschliche Begegnungen.
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Rundum intelligent - In vielerlei Hinsicht basiert ein Smart-City-Konzept lediglich auf guter Stadtplanung, die sowohl Fortschritte in den digitalen Technologien als auch neue Denkansätze für uralte urbane Konzepte wie Beziehungen, Gemeinschaft, Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein, demokratische Beteiligung, Good Governance und Transparenz berücksichtigt.
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Erstellt am 13.11.2019

Ähnliche Wachstumskurven bei antiken und modernen Städten

„Modern“ meint in diesem Artikel alles, was in der Gegenwart existiert (in Abgrenzung zur (frühen) Neuzeit von 1500 bis 1945). „Altertum“ bzw. „antik“ bezeichnet hingegen sämtliche Epochen bis zum Ende des Mittelalters (d. h. vor 1500).

Zunächst einmal ist auf den beträchtlichen Größenunterschied zwischen modernen und antiken Städten hinzuweisen. Während es heutzutage fast 50 Megastädte mit über 10 Millionen Einwohnern gibt, knackten nur sieben Städte des Altertums überhaupt die Millionenmarke.

Trotz des unterschiedlichen Maßstabs gibt es aber viele Parallelen zwischen antiken und modernen Städten – gerade im Hinblick auf Infrastruktur und Entwicklung. Laut einer aktuellen Studie1 weisen antike mesoamerikanische Städte dieselben Wachstumsmuster wie moderne auf und folgen dabei dem sogenannten Urban-Scaling-Modell. Bei zunehmendem Wachstum einer Stadt tendieren Menschen dazu, sich zu konzentrieren und zusammenzuscharen, anstatt sich weiter auszubreiten. Zudem nahm die Produktivität und Effizienz der Menschen bei wachsender Bevölkerung in der Vergangenheit wie heute zu.

Baghdad
Bagdad gilt als erste Stadt mit über einer Million Einwohnern.
Shibam

Shibam (Yemen) – das Manhattan der Wüste.

Infrastrukturelle Verdichtung statt urbaner Zersiedelung

Menschen organisieren sich von Natur aus in engmaschigen sozialen Gruppen. Antike Städte wie Pompeji sind ein Paradebeispiel für das menschliche Bedürfnis, Ressourcen zu bündeln: Alles ist in greifbarer Nähe, die Wege zwischen Wohnen und Arbeiten kurz. Heute würde man in diesem Zusammenhang von einer „Mischnutzung“ von Gebäuden und Infrastruktur sprechen.

Mit der Erfindung des Autos wurden lange Fahrten zwischen räumlich getrennten Wohn-, Shopping- und Geschäftsbezirken zur Norm. Auch Häuser rückten weiter auseinander, da Straßen mit Autos vollgeparkt waren und Fußgänger auf schmale Bürgersteige verdrängt wurden. Dank dem Auto konnten Menschen an den Stadtrand ziehen und dort in größeren Häusern wohnen – der Preis waren weniger soziale Interaktion und mehr Zeit, die allein im Auto verbracht werden musste.

Stark ausfransende, zersiedelte Vorstädte sind kein nachhaltiges Modell für menschliches Zusammenleben. Deshalb rücken viele Städte, die in der Vergangenheit besonders autogerecht gebaut haben, den Menschen wieder stärker in den Vordergrund. Immer mehr Menschen kehren in die Städte zurück, um in abwechslungsreichen Stadtquartieren zu leben, zu arbeiten und einzukaufen. Gebäude mit Mischnutzung werden zur neuen Norm. Eines Tages könnte durch eine stärker vernetzte Bauweise sogar eine Stadt in den Wolken entstehen, die Gebäude mittels sogenannter Skybridges verbindet. Ein antikes Vorbild dafür ist die Stadt Shibam im Yemen – auch „Manhattan der Wüste“ genannt –, wo sich die Einwohner oft immer noch über die Dächer der 5- bis 8-stöckigen Häuser anstatt auf Straßenlevel fortbewegen. Shibam ist auch ein gutes Beispiel für gemischt genutzte Gebäude: Im Erdgeschoss wird häufig Nutzvieh gehalten.

Toledo

Antike Stadtmauer in Toledo (Spanien).

Bauwerke als Spiegel gesellschaftlicher Wertvorstellungen

Die Charakteristik antiker Städte ließ sich oft schon aus der Ferne erkennen. Mauern und Befestigungsanlagen demonstrierten Stärke und Widerstandsfähigkeit, während große Kathedralen oder Moscheen den hohen Stellenwert der Religion untermauerten.

Heute prägen in der Regel Wolkenkratzer das Stadtbild, was die Fixiertheit unserer Gesellschaft auf wirtschaftliche Belange und Profit unterstreicht. Die harmonischere Eingliederung dieser Bauwerke in die lokale Kultur ist dabei ein noch immer andauernder Prozess – so werden Wolkenkratzer im Nahen Osten inzwischen verstärkt traditioneller arabischer Architektur nachempfunden. Auch Umweltschutzaspekte spielen eine immer zentralere Rolle, was sich unter anderem auch optisch in begrünten Fassaden äußert und den modernen Trend hin zu mehr Nachhaltigkeit widerspiegelt.

Die Stadtmauer und die Terrakotta-Krieger von Xi‘an sollten Angreifer abschrecken.

Protection, safety, and social interaction

Die herrschende Klasse antiker Städte betrachtete Stadtmauern und Befestigungsanlagen als Symbol der eigenen Stärke. Den Bewohnern der Städte boten sie in erster Linie effektiven Schutz. Einige Stadtmauern haben die Jahrhunderte überlebt, dienen aber heute nur noch dekorativen Zwecken. Im spanischen Toledo wurden eigens Rolltreppen installiert, die über die historische Stadtmauer in die höher gelegene Altstadt führen.

Dennoch müssen Städte heute andere Wege beschreiten, damit sich ihre Bewohner sicher fühlen. Die bauliche Befestigung antiker Städte belegt, dass unser Sicherheitsgefühl auch visuell beeinflusst wird. Es kann etwa durch Sauberkeit, eine stabile Ordnung und (eine nicht repressive) Polizeipräsenz verstärkt werden.

Darüber hinaus benötigen Menschen auch (sichere) öffentliche Treffpunkte. Auf den Marktplätzen antiker Städte scharten sich nicht nur Händler, Bauern und Käufer aus geschäftlichen Gründen, sie boten auch Raum zum sozialen Austausch. Städte, die vom Autoverkehr geprägt sind, haben versucht, den traditionellen Marktplatz durch Einkaufszentren zu ersetzen. Diesen mangelt es jedoch an der gemütlichen Lebendigkeit und Betriebsamkeit eines öffentlichen Platzes, der Nachbarn, Geschäfte und Verkaufsstände an einem Ort vereint.

Krakow

Krakau (Polen) – öffentliche Plätze bilden das Herzstück des städtischen Lebens.

Teilhabe und soziale Gerechtigkeit als Erfolgsschlüssel

Eine Studie2 über 20 Städte des präkolumbischen Mesoamerikas verglich die Entwicklung von Städten, die von Despoten regiert wurden, welche einen Großteil des Reichtums auf sich vereinten, mit solchen, die auf mehr gesellschaftliche Teilhabe und eine ausgewogene Verteilung von Wohlstand setzten.

Das Ergebnis: Kollektiv regierte Städte mit gerechterer Wohlstandsverteilung erwiesen sich langfristig als erfolgreicher und konkurrenzfähiger als autoritär regierte Städte.

Die Geschichte lehrt uns, wie wichtig es ist, Toleranz zu beweisen. Eine Unterdrückung der Bevölkerung provoziert fast ausnahmslos heftigen Widerstand im Untergrund. Ein besonders anschauliches Beispiel ist Derinkuyu in der Türkei, eine riesige unterirdische Stadt, die dem aktuellen Wissensstand zufolge von Christen bewohnt wurde, die sich dort versteckten. Es ist die am tiefsten gelegene von Dutzenden oder vielleicht Hunderten unterirdischen Städten in der türkischen Region Kappadokien.

 
Hidden City

Derinkuyu (Türkei)

Schönheit verbindet

Ästhetische Schönheit ist ein Merkmal fast aller antiker Bauwerke, die bis in die Gegenwart überdauert haben. Zwar dienten viele dieser architektonischen Meisterwerke ursprünglich dazu, der Grandeur eines eingebildeten Herrschers zu schmeicheln, im Laufe der Jahre erlangten sie aber die Bewunderung der lokalen Bevölkerung.

Damit sollten sie heutigen Städteplanern als Inspiration dienen. Es mag kostspieliger und zeitaufwändiger sein, Gebäude, Parks und Monumente zu erschaffen, die das Erscheinungsbild einer Stadt nachhaltig verschönern; dafür tragen sie aber entscheidend zum Flair der Stadt bei und helfen, sie noch ein Stück lebenswerter zu machen.

Ein Weg, die Schönheit von Städten zu bewahren, ist der Schutz älterer Bauwerke. Nicht selten kann dies auch mit einer Nutzungsänderung einhergehen. Historische Gebäude und Denkmäler machen die Schönheit einer Stadt aus und kurbeln den Tourismus an. Ihre Baukunst, deren Imitation heutzutage kostenmäßig kaum noch zu vertreten ist, ist Ausdruck der Vielfalt und Dynamik von Städten.

Natürlich hatten auch die Städte des Altertums ihre dunklen Seiten. Man denke an die Gladiatorenkämpfe im alten Rom und die Menschenopfer der Mayas. Dennoch können wir vieles von unseren Vorfahren lernen. Die wichtigste Lektion dieser autofreien Gesellschaften ist, dass wir unsere Städte fußgängergerecht planen sollten. Wenn dann noch Umweltschutz und die Erhöhung der Lebensqualität in die Städteplanung Eingang finden, ist bereits ein großer Schritt getan.

Istanbul

Die Hagia Sophia von 537 v. Chr. wird heute als Museum genutzt.

Sources:

  1. Modern Cities Grow the Same Way As Ancient Ones, by Laura Clark, Smithsonian Mag
  2. Can We Learn from the History of Ancient Cities?, by Lary Feinman, Field Museum

Image Credits

Ancient Baghdad, taken from the book The thrones and palaces of Babylon and Ninevah from sea to sea; a thousand miles on horseback. by John Philip Newman, picture via commons.wikimedia.org

City of Shibam, photo by Dan, taken from flickr.comCreative Commons Attribution 2.0 Generic

Xi’an City Wall, photo by Lfish, taken from pixabay.com

Xian City Wall 2, photo by Maros M r a z, taken from  commons.wikimedia.orgCreative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Unported 

Terracotta Warriors, photo by foursummers, taken from pixabay.com

Kraków Square, photo by dimitrisvetsikas1969, taken from pixabay.com

Athens, Greece, photo by dronepicr, taken from flickr.com, Creative Commons Attribution 2.0 Generic

Hagia Sophia, photo by Adli Wahid, taken from unsplash.com