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Recycelbare Architektur – neue Bau- und Nutzungskonzepte für urbane Strukturen

Wir haben schon viel über intelligente, nachhaltige und umweltfreundliche Gebäude gehört, aber was ist mit recycelbaren Gebäuden? Die Idee einer komplett recycelbaren Stadt mag vielleicht etwas weit hergeholt sein; neue Gebäudekonzepte und -materialien veranlassen Architekten und Stadtplaner jedoch dazu, darüber nachzudenken, was mit Gebäuden oder Bauten passiert, wenn sie nicht mehr gebraucht werden.

Viele Architekten setzen beim Bau und bei der Planung von Gebäuden verstärkt auf recycelte Materialien, die sich später leichter rückbauen und wiederverwerten lassen. Ein weiterer Trend in diesem Zusammenhang ist die Entwicklung sogenannter „Nomadenbauten“, die an einem anderen Standort zu einem anderen Zweck genutzt werden können. Diese Art der Wiederverwertung nach Ende der Lebensdauer eines Gebäudes erfordert jedoch eine dynamische, flexible Stadtplanung, die einem ständigen Wandel unterliegt.

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Rundum intelligent - In vielerlei Hinsicht basiert ein Smart-City-Konzept lediglich auf guter Stadtplanung, die sowohl Fortschritte in den digitalen Technologien als auch neue Denkansätze für uralte urbane Konzepte wie Beziehungen, Gemeinschaft, Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein, demokratische Beteiligung, Good Governance und Transparenz berücksichtigt.
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Erstellt am 22.02.2018

Alte oder neue Materialien? Oder eine Kombination aus beidem?

Der Einsatz von recycelbaren Materialien erweist sich für Architekten als innovativer, nachhaltiger Ansatz. Viele gängige Baustoffe – wie Beton, Backsteine und Glas – können aus bereits verwendeten Materialien hergestellt werden. Auf diese Weise kann der Schadstoffausstoß eines Gebäudes um bis zu 90 Prozent gesenkt werden.

Architekten, die über die Lebensdauer eines Gebäudes hinausdenken – indem sie einen geschlossenen Baukreislauf implementieren –, müssen neue nachhaltige Materialien testen. Das Ergebnis: Gebäude, die nahezu keinen ökologischen Fußabdruck haben, aber ein innovatives, einzigartiges Design aufweisen, das mit herkömmlichen Baustoffen nicht möglich gewesen wäre.

  • Ein Beispiel hierfür ist ein Haus in Rotterdam, das komplett aus müllbasierten Backsteinen errichtet wurde. Die karamellfarbenen „WasteBasedBricks“ wurden von einem Startup-Unternehmen mit dem passenden Namen „StoneCycling“ aus rund 15 Tonnen Keramik-, Glas- und Lehmabfällen hergestellt.
  • Im letzten Herbst konnte man auf der Dutch Design Week ein einzigartiges Gebäude begutachten, das wenig bis gar keine Abfälle verursacht: der People’s Pavilion. Die bunten Schindeln sind komplett aus recyceltem Kunststoff hergestellt, und für die Holzplattform hatten die Architekten sich Holzbalken ausgeliehen, die nach Ende der Designwoche an die Eigentümer zurückgegeben wurden.
  • In Chicago verwerteten die Architekten des Lavezzorio Community Center der SOS-Kinderdörfer übriggebliebenen Beton von nahegelegenen Baustellen. Durch die unterschiedlichen Betonarten erhielt die Fassade ein Streifenmuster mit verschiedenen Farbabstufungen.

Aufbauen, abbauen und dann wieder von vorn

Nach den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro sprach man nicht nur über die abreisenden Weltklasse-Athleten, sondern auch darüber, was mit den hochmodernen Gebäuden passieren sollte. Da Rio sogenannte „Weiße Elefanten“ – sprich Stadien, die nach Ende von Olympia verrotten – um jeden Preis verhindern wollte, setzte die Stadt auf Bauten wie die „Future Arena“, deren abgebaute Elemente für den Bau von vier Grundschulen wiederverwendet wurden.

Dieser als „Nomadenarchitektur“ bezeichnete Trend konzentriert sich auf temporäre, originelle und flexible Strukturen – und setzt sich immer mehr durch. Das Stadion für die Weltmeisterschaft 2022 in Katar wird das erste vollständig rückbaubare und wiederverwertbare Stadion der Welt sein. Es wird aus Schiffscontainern und modularen Blöcken gebaut.

Diese Experimente mit „bewegbaren“ Gebäuden haben auch die Entwicklung von Baustoffen vorangetrieben, die sich einfach abbauen und wieder zusammensetzen lassen, wie etwa Betonsäulen oder -balken und Wände. Selbst Wasserrohre aus Beton sind als wiederverwertbare Gebäudekomponenten im Gespräch. Hongkong überlegt, darin Micro-Apartments einzurichten, die an jedem beliebigen Ort aufgestellt werden können.

Das Stadion in Rio wurde in vier Schulen verwandelt.

Kann recycelbare Architektur den Kreis schließen?

Auch wenn die einzelnen Beispiele von Stadien und atemberaubenden Bauten wirklich inspirierend sind, fragt man sich: Wie wird der Trend der recycelbaren Architektur sich in einem breiteren Kontext auf die Stadtplanung oder das Baugewerbe auswirken? Und wie wird dieser Trend unsere Denkweise beeinflussen?

Immer mehr Architekten verzichten darauf, besonders langlebige Gebäude errichten zu wollen; sie verstehen jetzt, dass nichts für immer währt, aber alles einen Einfluss hat. ARUP Associates zum Beispiel entwickelte auf der Grundlage des Konzepts der Kreislaufwirtschaft ein Gebäude, das einfach für neue Zwecke genutzt werden kann – und nach Ablauf seiner Nutzungsdauer null Abfall verursacht. Die Komponenten können an die Hersteller zurückgegeben und umgenutzt oder vollständig recycelt werden.

Auch wenn dieses Projekt eigentlich nur ein Vorführbeispiel auf dem London Design Festival 2016 war, beantwortete es die Frage, ob Architektur den Kreislauf schließen könnte, mit einem schallenden „Ja!“. Für sein innovatives Design wurde ARUP vom Cradle to Cradle Products Innovation Institute geehrt.

 

Das „Circular Building“ von ARUP ist flexibel, demontierbar und zu 100 % recycel- oder wiederverwendbar.

Der Wandel findet jetzt statt

Es scheint klar, dass das Konzept flexibler, temporärer Architektur nicht nur bei gelegentlichen Boutique-Gebäuden Anwendung findet. Es gibt auch immer mehr vorübergehend genutzte oder anpassbare Gebäude und Bauten, die mit dem Fluss und Wandel in einer Stadt gehen. Dazu gehören beispielsweise Imbissrestaurants, Mehrzweck-Parkhäuser oder auch flexible Handels- und Veranstaltungszentren wie das PROXY-Projekt in San Francisco, das aus alten Schiffscontainern erbaut wurde.

Auch zukunftsorientierte Zertifizierungsprogramme für Nachhaltigkeit geben die Richtung vor, indem sie den Bau von Gebäuden fördern, die aus recycelbaren Materialien bestehen oder für die auch über ihre Nutzungsdauer hinaus Pläne gemacht werden. Bei der LEED-Zertifizierung (Leadership in Energy and Environmental Design) wird beispielsweise ein Extrapunkt in der Kategorie „Design for Flexibility“ und für die Einfachheit künftiger Anpassungen vergeben.

Damit das Konzept eines echten Baukreislaufs wirklich funktioniert, müssen alle Beteiligten einen Beitrag leisten – von den Projektinvestoren über die Architekten bis hin zum Bau-Team. Wenn alle an einem Strang ziehen, sind die Möglichkeiten schier grenzenlos. Ob Brücke, Einfamilienhaus oder öffentliches Gebäude – bei jedem Bauwerk sollte genau überlegt werden, was nach Ablauf seiner ursprünglichen Nutzungsdauer damit geschieht.

Image Credits:

Rubble House, taken from dezeen.com; image credits go to Ossip van Duivenbode

People’s Pavilion, taken from dezeen.com; image credits go to Filip Dujardin

SOS children’s village, taken from arthitectural.com; image credits go to Hedrich Blessing 

Rio Arena, taken from wikipedia.orgsome rights reserved